Von Hubert Spiegel
29. Juni 2008 Am 30. Juli 1872 wird die Tegetthoff“ erstmals vom Eis eingeschlossen. Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition, die im arktischen Sommer das Gebiet nordöstlich des sibirischen Archipels Nowaja Semlja erforschen will, steckt fest im ewigen Eis. Aber was heißt schon ewig?
Springt nicht am Ende von Mary Shelleys Roman Frankenstein“ das arme Ungeheuer aus dem Fenster der Kajüte, in der sein toter Schöpfer liegt, um auf einer praktischerweise gerade vorbeitreibenden Eisscholle für immer in der Finsternis des Eismeers zu verschwinden?
Die ewige Reihenfolge weißer Särge
Wenn im arktischen Sommer die Luft sich erwärmt, gerät auch das Eis in Bewegung. Alles, so notierte damals Julius Payer an Bord der Tegetthoff“, alles rings um uns predigte Vergänglichkeit; denn unausgesetzt herrscht das Nagen des Meeres und die geschäftige Emsigkeit des Schmelzungsprozesses an den Gefilden der Eiswelt“. Es gebe wohl kein melancholischeres Bild als dieses flüsternde Hinsterben des Eises: Langsam, stolz wie ein Festzug, zieht die ewige Reihenfolge weißer Särge dem Grabe zu, in der südlichen Sonne.“
In diesem Sommer wird man das Flüstern der sterbenden Eisberge deutlicher hören als je zuvor. Denn erstmals in der Geschichte der Menschheit, so haben jetzt britische Polarforscher prophezeit, könnte das Eis am nördlichsten Punkt der Weltkugel vollständig schmelzen. Vom Eise befreit sind Pole und Kappen?
Schützt das Kap
Dann wäre der Nordpol, dieser Inbegriff der Schrecken des Eises und der Finsternis“, wie Christoph Ransmayr seinen packenden Roman über die Payer-Weyprecht-Expedition von 1872 genannt hat, nur noch ein Punkt in den Wellen des Ozeans, und das arktische Eis wäre verdunstet infolge der Erderwärmung. Die Landkarten der literarischen Phantasie wären um einen Ort des Schreckens und der Faszination ärmer, aber die Schrecken der realen Welt wären um einen Fixpunkt reicher: Ein Nordpol ohne Eis wäre das bislang stärkste Menetekel eines tiefgreifenden Klimawandels.
Dass der blaue Planet seine weißen Polkappen verliert, wäre sogar vom Weltraum aus deutlich zu erkennen. Der letzte Satz in Ransmayrs Roman bekäme dann eine ahnungsvolle Wendung. Das Ende des Buches sieht den Erzähler am Schreibtisch, in seinem Zimmer, dessen Wände er mit Meereskarten ausgeschlagen hat. Er ist allein inmitten seiner papierenen Meere“. Mit seiner Handfläche schützt er das Kap.
Text: F.A.Z.