Bücherkauf

Frech

Von Jörg Thomann

09. Mai 2008 Das Komplizierte an Büchern ist, dass immer etwas anderes darin steht, jedenfalls in den meisten. Gerade dem Gelegenheitsleser kann der Erwerb eines neuen Exemplars daher Kopfzerbrechen bereiten: Natürlich möchte er ungern etwas lesen, was er längst kennt, aber schön wäre es schon, wenn das neue Buch dem vorherigen ähnelte, das ihm ganz gut gefallen hat. Wer also unterwegs ist und gerade kein Internet bei sich hat, das ihm mitteilen könnte, welches andere Buch andere Kunden, die das erste Buch gekauft haben, ebenfalls kauften, der verliert zwischen den Regalen rasch die Orientierung.

Also bemühen sich die Händler um intelligente Leserführung. Ein Frankfurter Warenhaus zum Beispiel hat seine Büchertische, auf die man zwischen Spielwaren und Elektroartikeln stößt, mit kleinen Schildchen versehen: eine Entscheidungshilfe für alle, denen Klappentexte zu ausschweifend sind. „Neu & aktuell“ steht über einem Stapel, andere sind „Spannend“, „Mitreißend“ oder – unser Lieblingstisch – „Frech“. Doch das auf den ersten Blick einfache System ist tatsächlich höchst verwirrend. „Spannend“ etwa sind Robert Littell und Håkan Nesser, nicht aber Ken Follett, denn der ist „Historisch“. Die Kategorie „Liebe & Erfahrung“ bietet zahlreiche Werke mit Titeln wie „Weiße Nebel der Begierde“ oder „Stürmisches Spiel des Herzens“, es finden sich dort aber auch „Die verlorenen Söhne“ der Islamkritikerin Necla Kelek, hier wohl der Unterrubrik „Erfahrung“ zuzuordnen.

Frech sind nur Frauen

Das Buch „Liebe für Fortgeschrittene“ von Sissi Flegel wiederum liegt nicht bei „Liebe & Erfahrung“ und auch nicht, trotz des Namens der Autorin, bei „Frech“, sondern bei „Mitreißend“. „Frech“ sind übrigens, bis auf ein, zwei männliche Ausreißer, nur Frauen. Neben Werken wie „Für Schuhe würd’ ich morden“, was nun wirklich ziemlich frech wäre, sind eher unfrech klingende Titel versammelt wie „Taxi ins Glück“ oder „Meinem Herzen so nah“. Offenbar gibt es hier Abstufungen, die man den Freunden frecher Frauenschriften vielleicht mit präziseren Etiketten vor Augen führen sollte – etwa „Mittelfrech“, „Sehr frech“, „Schnippisch“ oder „Naseweis“.

Als Kunde jedenfalls irrt man recht verloren im Schilderwald umher. Wir haben dann, um wenigstens das skandalöse Geschlechtsunverhältnis auszugleichen, klammheimlich die aktuellen Werke zweier spitzzüngiger Herren auf dem „Frech“-Stapel plaziert, Hans Küngs „Umstrittene Wahrheit“ und Dieter Hildebrandts „Ich musste immer lachen“. Wir wollten auch noch Charlotte Roche dazulegen, aber die war frecherweise mal wieder vergriffen.



Text: F.A.Z.

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche