Eric Hobsbawm

Mann mit Einfluss

Von Gina Thomas

03. März 2009 In der National Portrait Gallery hängt das Gruppenbild der marxistischen Historiker um die Zeitschrift „Past and Present“. Unter ihnen: Christopher Hill, Lawrence Stone und Eric Hobsbawm. In seinen Archiven bewahrt das Museum freilich auch Bilder anderer Historiker, etwa Hugh Trevor-Ropers, doch sind sie in der Regel nur auf Anfrage zu sehen. Die Gruppe von „Past and Present“ hingegen gehört zur Daueraustellung und dokumentiert den enormen Einfluss, den ihre Weltsicht auf die britische Historiographie der Nachkriegsjahre ausübte. Eric Hobsbawm ist zu besonderem Ansehen gelangt.

Wenigen Gelehrten wurden so hohe Ehren zuteil wie dem in Wien Geborenen, den die Briten ins Herz ihres intellektuellen Establishments aufgenommen haben. Seit zehn Jahren gehört er gar zum Kreis der Companions of Honour, jenes Ordens, der den herausragenden Köpfen des Commonwealth vorbehalten ist. Obwohl es heißt, dass sein Marxismus einem Lehrstuhl in Cambridge im Wege stand, galt für ihn das Gleiche wie für den kürzlich gestorbenen Gefährten Victor Kiernan, von dem Hobsbawm schrieb, Sachverständige hätten dessen Politik verurteilt, als er sich für Posten in Oxford und Cambridge bewarb, „und doch - so war Britannien 1948 - hatten sie nichts dagegen, dass der charmante Subversive die historische Fakultät der Universität Edinburgh verseuche“.

Apologet Stalins

Hobsbawm lehrte am Birkbeck College, London, dessen Präsident er jetzt ist. Es liegt auf der Hand, dass der britische Geheimdienst ihn, das obstinate Mitglied der inzwischen aufgelösten Kommunistischen Partei Großbritanniens, wie andere Sympathisanten Moskaus beobachtete. Der einstige Apologet Stalins blieb der Partei treu, auch als andere sich nach dem Ungarn-Aufstand und dem Prager Frühling abwandten. Hobsbawm empfand den Zusammenbruch des Kommunismus als gesellschaftliche und wirtschaftliche Tragödie und sieht sich heute in seinem Urteil bestätigt. Vor einiger Zeit beantragte er beim Geheimdienst MI 5 Akteneinsicht. Man teilte ihm mit, er sei dazu nicht berechtigt, sofern es überhaupt eine Akte gebe.

Das ist der gegenüber Lebenden übliche Bescheid. Der einundneunzigjährige Historiker vermutet, man enthalte ihm die Dokumente vor, um nicht zu offenbaren, wer ihn aushorchte. Nie sei er an sicherheitsrelevanten Vorgängen beteiligt gewesen. Als Einflussagent aber dürfte er sich seinerzeit in Moskau hohe Verdienste erworben haben.

Text: F.A.Z.

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