„CSSNaked-Day“

Nackt im Netz

Von Oliver Jungen

27. März 2009 Es war einmal ein Wahrheitsdichter, dem wollte das Anlegen seiner Kleidungsstücke nicht gelingen: „weil mir immer das erste vom Leibe fiel, wenn ich das zweite umzunehmen gedachte“. Das konnte nicht folgenlos bleiben. Alsbald tänzelt denn auch eine kleine Nymphe durch Goethes „Knabenmärchen“, die unser Neo-Paris schließlich in einem Paradiesgärtlein wiedertrifft. Details tun nichts zur Sache, allein es zischt mit einem Mal Wasser aus Zweigen und Steinen. Fort mit allem Ornat, will das erneut bedeuten: „Ganz nackt schritt ich nun gravitätisch zwischen diesen willkommnen Gewässern einher.“

Dichterwahrheit hat nichts zu verbergen. Und auch da, wo es heute am willkommensten zischt, im digitalen Paradiesgärtlein, ist nun für einen Tag Nacktheit angesagt. Freilich, nackt im Netz, das klingt so neuartig nicht, hat sich doch „Youporn“ bereits auf Rang zwanzig der beliebtesten Websites in Deutschland hochgeklickt und damit alle Informationsportale abgehängt. Gemeint aber ist in diesem Fall lauterer Nudismus. Zum vierten Mal wird am 9. April der „CSSNaked-Day“ stattfinden. Die Idee mit dem hüllenlosen HTML-<body> ganz ohne „Canadian Style Sheet“ geht auf den ehemaligen „Yahoo“-Entwickler Dustin Diaz zurück und erfreut sich, wie alles Nackte, rasender Beliebtheit. Mehrere tausend Websites werden sich für vierundzwanzig Stunden allen Designs entkleiden.

Bedeckte Körper sind in Ordnung

Die Designer nämlich sind die modernen Pharisäer. Vor zehn Jahren erst hat der Messias ihnen gedroht: „Ich werde jetzt diesen Hörer auflegen. Und dann werde ich diesen Menschen zeigen, was sie nicht sehen sollen. Ich werde ihnen eine Welt zeigen - ohne euch.“ Also sprach Neo, als er plötzlich durch die Matrix hindurchblicken konnte. Ob wir aber auch sehen wollen, was wir nicht sehen sollen? Ob wir nicht manche Digitalnymphe dem Fließtext vorziehen? Darf man es nicht mit Peter Licht halten: „Bedeckte Körper sind in Ordnung“?

Selbst in Goethes Märchen schrumpelt ja der exhibitionistische Furor schnell zusammen. Ein alter Mann kommt des Wegs, und der Paradiesling „hätte gewünscht, mich, wo nicht verbergen, doch wenigstens verhüllen zu können“. Auf „Goethe.de“, weltweit noch den vierzehntausenddreihundertfünfundsechzigsten Platz in der Beliebtheitsskala belegend, ist übrigens zurzeit zu erfahren, dass Jonathan Franzen im Auftrag des Goethe-Instituts am 22. April in Berlin die Wahrheit über „Sex, Literatur und die deutsche Sprache“ enthüllen wird. „Youporn“, wir kommen.

Text: F.A.Z.

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