Online-Bibliothek Europeana

Traumabsturz

Von Joseph Hanimann

24. November 2008 In schwierigen Zeiten ist das Träumen zu einem wahren Kraftakt der Weltveränderung geworden. Sie habe einen Traum, verkündete EU-Kulturkommissarin Viviane Reding bei einem internationalen Treffen vor einer Woche in Avignon. Nach drei Jahren Vorbereitung werde die europäische Digitalbibliothek www.europeana.eu demnächst eröffnet. Wir träumten mit und noch beim Zuhören zappelten uns schon die Finger vor Ungeduld, durch den europäischen Seitenflügel von Babel spazieren zu können.

Am vergangenen Donnerstag war es so weit. Der Kommissionsvorsitzende Barroso informierte höchstselbst mit einem Beitrag die Leser dieser Zeitung über das Ereignis. Im Beisein mehrerer europäischer Kulturminister wurde das Portal dann freigeschaltet. Gedränge, Gerangel, erstaunlich freizügige Bilder aus dem pornographischen Geheimfach auf der Empfangsseite und dann erste Pannen. Nach wenigen Stunden wurde das Tor wieder geschlossen. Voraussichtliche Wiedereröffnung: Mitte Dezember. Quer durch die Kultur Europas zu surfen, von der „Magna Charta“ aus der British Library bis zur Partitur von Sibelius’ fünfter Sinfonie und von der irischen Geographiekarte „Topographia hiberniae“ bis zum Fall der Berliner Mauer, wie das französische Institut National de l’Audiovisuel ihn aufzeichnete, das verlockte offenbar viel mehr Besucher als erwartet.

Großhirn aus lauter Hinterhirnhälften

Die zu achtzig Prozent von der EU finanzierte Institution bietet das originelle Modell eines Großhirns aus lauter Hinterhirnhälften. Europeana besitzt keinen eigenen Zentralcomputer, sondern linkt an die beteiligten Bibliotheken, Museen und Archive weiter, ohne dass dabei aber eine jener Kulturwundertüten herauskäme, die im Netz sonst gern herumgereicht werden. Alle zwei Millionen Objekte von Europeana werden von einem kleinen Team geordnet, mit Hintergrundinformation versehen und konservatorisch fernbetreut. Die enorm unterschiedliche Beteiligung der siebenundzwanzig EU-Mitglieder spiegelt indessen ein kulturelles Phantomeuropa.

Frankreich ist mit mehr als fünfzig Prozent dabei, gefolgt von Großbritannien und den Niederlanden mit je zehn Prozent. Deutschland Beitrag macht ein Prozent von Europas kulturellem Großhirn aus. Dass dieses an alle Einzelheiten der gehorteten Manuskriptblätter, Zeichnungen, Erstdrucke, Fotografien gedacht hat und nur das eine technische Detail übersah, es könnte eventuell ja begehrter sein, als erwartet, macht es uns wieder richtig sympathisch. So ein Europa der Inhalte erinnert ans alte, verlorene Traum-Europa. Drei Wochen Funktionspanne sind dafür kein zu hoher Preis, zumal sich vor leeren Bildschirmen noch besser träumen lässt.

Text: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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