Kommentar

Atemschutz

13. März 2006 Das ehemalige Bethaus steht in Pulheim-Stommeln an der Hauptstraße, hinter dem Haus mit der Nummer 85. Ein Tor schließt den Zugang ab. Der Bau aus Klinkersteinen ist mit Schläuchen an sechs in der Nähe parkende Autos angeschlossen, deren Motoren laufen. Die Abgase werden über Schläuche durch die Fenster in die Synagoge geleitet, wo das darin enthaltene Kohlenmonoxyd eine Konzentration erreicht, die nach kurzer Zeit tödlich ist. Geschützt mit einer Atemmaske und begleitet von zwei Feuerwehrmännern, ist der Raum für Minuten betretbar.

Die Prozedur des Einlasses und der Vorbereitung darauf ist eine groteske Inszenierung, die dem Besucher Bedrohung signalisiert - während er eine Haftungsentbindung schriftlich anerkennt: „Die Stadt Pulheim übernimmt keine Haftung für eventuelle gesundheitliche oder materielle Schäden. Vom Besuch ausgeschlossen sind Minderjährige, Personen mit Herz-, Kreislauf-, Lungen- und Atemwegserkrankungen, Personen mit Neigung zu Panik oder Klaustrophobie und Schwangere. Der Veranstalter behält sich vor, Interessenten vom Besuch auszuschließen.“

Der Veranstalter ist die Stadtverwaltung Pulheim. Sie hat den spanischen Künstler Santiago Sierra eingeladen. Er ist der wohl umstrittenste zeitgenössische Künstler überhaupt. Seine Eingriffe in Orte und Räume, sein Markenzeichen, Menschen in seine Aktionen einzubeziehen, stoßen vielfach auf Ablehnung, Entsetzen und harte Anklagen. Sierra tritt mit der artistischen Attitüde des Kommunisten auf, dem Kapitalismus die industrialisierte Form der Ausbeutung, der Vernichtung ist. Berühmtheit erlangte er, als er den spanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2003 vermauerte und durch strenge Bewachung sicherstellte, daß nur Besucher mit einem spanischen Paß eingelassen wurden.

Mit dem aggressiven Übergriff in Stommeln hat er nun Maß und Ziel verloren. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich scharf dagegen gewandt. Tatsächlich bildet das Kohlenmonoxyd im Innern einer Synagoge eine unerträgliche Metapher, einen Synkretismus des Grauens. Damit beraubt sich Sierra selbst der Integrität seines Werks. Seine „Überzeugung, daß dieses Projekt keine Empathie erzeugen kann, sondern nur die Gewißheit des individuellen Todes“, verhallt wie blanker Hohn. Hier muß Schluß sein; denn der bürokratische Akt, beim Pavillon in Venedig noch beißende Kritik am Umgang mit Asylanten, ist in Stommeln zur Unerträglichkeit getrieben, wenn zu unterschreiben ist: „Hiermit bestätige ich, daß ich auf dem Weg von der Scheune zur Synagoge umluftunabhängigen Atemschutz mit Schlauchgerät getragen habe und mich dadurch nicht gesundheitlich oder psychisch beeinträchtigt fühle. Ich sehe mich der Situation gewachsen, den Atemschutz auch unter CO-Belastung in der Synagoge tragen zu können, ohne daß ich dadurch mich oder das Sicherheitspersonal gefährde. Über die Risiken des Besuchs der Synagoge bin ich ausführlich aufgeklärt worden.“

Die kalte Präzision der Absicherung gerät neben dem jüdischen Bethaus zur Obszönität: Dafür sind die in der Stadt Pulheim für Sierras Werk Verantwortlichen zur Rechenschaft aufgefordert.

Text: rmg. / F.A.Z., 14.03.2006, Nr. 62 / Seite 39

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