Ehrung von Anselm Kiefer

Vergangenheitsarbeit

Von Henning Ritter

Sein Ruhm in Amerika übertrifft vielleicht den jedes anderen deutschen Malers: Anselm Kiefer

Sein Ruhm in Amerika übertrifft vielleicht den jedes anderen deutschen Malers: Anselm Kiefer

04. Juni 2008 Wer hat Angst vor Anselm Kiefer? Offenbar nicht der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der den Friedenspreis an den Maler Anselm Kiefer verleiht. In der Geschichte dieses Preises wird nun zum ersten Mal ein bildender Künstler ausgezeichnet. In den vergangenen Jahren hatte man dies schon ins Auge gefasst, vielleicht an Gerhard Richter gedacht, dessen Bilder zum RAF-Terror die Öffentlichkeit beschäftigten.

Doch als großes Versäumnis drängt sich aus Anlass der Ehrung Kiefers auf, dass sein Lehrer Joseph Beuys diesen Preis nie erhielt, der ihm als Vordenker der ökologischen Bewegung gewiss gut angestanden hätte. Aber jetzt endlich ein Maler, ein Künstler von großem internationalem Rang, eine einsame Künstlernatur, wie man sie zuletzt im neunzehnten Jahrhundert am Werk sah. Man denkt an Courbet und andere Kraftnaturen, deren Werk den Ausstellungsbetrieb sprengte.

Kein Abziehbild der Vergangenheit

Anselm Kiefer, der seit kurzem in Paris lebt, hatte zuletzt am Rand der Cevennen ein riesiges Gelände, eine alte Fabrik und zahllose Schiffscontainer in eine künstliche Landschaft verwandelt, in die er seine Arbeiten eingrub und aus der er die Inspiration für seine Installationen schöpfte. Einzelgängerischer geht kein Künstler der Gegenwart seinen Obsessionen nach.

Vor zehn Jahren wurde er für sein Lebenswerk mit dem japanischen „Praemium Imperiale“ ausgezeichnet, und sein Ruhm in Amerika übertrifft vielleicht den jedes anderen deutschen Malers. Der Chefkonservator des Museum of Modern Art, William Rubin, lobte ihn vor Jahren überschwänglich, als er ihn über die gesamte zeitgenössische Malerei Amerikas und Europas stellte.

Dieses Urteil war umso spektakulärer, als es Werke wie das große, unverkennbar die Berliner Reichskanzlei düster und zweideutig beschwörende Gemälde „Innenraum“ einbezog und damit einen Bilderkreis nobilitierte, der hierzulande erschreckend gewirkt hatte - wie das gesamte Frühwerk des Malers, das erst unlängst zum ersten Mal ausgestellt wurde. Denn Kiefer ist auch in seiner Art der Aufarbeitung der Vergangenheit eigene Wege gegangen. Die Selbstdarstellung mit Hitlergruß gehörte zu seinen forcierten Experimenten. Kiefer will von der Vergangenheit nicht bloß ein Abziehbild nehmen, sondern sich in sie hineinwühlen. Davor hat der Börsenverein nun offenbar keine Angst mehr.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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