Neues von Houellebecq

Elementarweilchen

Von Oliver Jungen

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05. Mai 2008 Tourismus ist Feigheit vor dem Feind im eigenen Land. Sie lauern im Büro, diese Feinde, im Schatten der Putzhilfe und manchmal auch in der eigenen Familie, sagen wir: mütterlicherseits. Zwar gibt es auch in der Fremde Islamisten, aber das nimmt der Flüchtende in Kauf.

Irgendwann werden die fremden Islamisten wieder zu eigenen, und der Sex leidet darunter. Das ist in etwa die Philosophie Michel Houellebecqs, ausgeplottet im Roman „Plattform“. Wohl nicht ganz zufällig, dass Plattform im Arabischen auch „Al Qaida“ heißt.

Die Rache der Mutter

Am vergangenen Sonntag traf der Schriftsteller nun zu einem Blitzbesuch in der Frankfurter Schirn ein, wo er im Rahmen der Ausstellung „All Inclusive“ mit dem Soziologen Rachid Amirou über Tourismus diskutieren sollte. Gut ging es Houellebecq dabei offenbar nicht: Eingesunken saß er da, nervös blickend, permanent ein Taschentuch vor den Mund pressend - gejagt vom Geist der gar nicht toten Mutter, die zurzeit aller Welt kundtut, dass ihr Sohn „ohne jeden Belang“ sei? Das Gespräch implodierte denn auch sogleich. Der Tourist suche wie Herr Rossi das Glück und finde doch stets Altbekanntes, war unter den hingebrummelten Sottisen noch die wertvollste.

Warum aber hob der Dreistundenurlaub Herrn Kampfzonenrossis Laune nicht? Deutschland ist schuld. Zwar liege im Tourismus die Zukunft des untergehenden Abendlandes: Auch Chinesen müssen schließlich ihren Islamisten entfliehen, am liebsten bei Wein und Amélie. Er kenne aber niemanden, so Houellebecq, der je in Deutschland oder, noch schlimmer, in Holland Urlaub gemacht hätte. Amirou stimmte zu.

Dirndl-Exotismus

Da meldete sich ein wackeres Französlein: „Mais non. L'Allemagne ist eine touristische Destination.“ Die Diskutanten blieben hart: also nein, wirklich nicht. Als die Zugkraft der jüngeren deutschen Geschichte ins Spiel gebracht wurde, fragte Houellebecq zurück, ob Schlachtfeldtourismus wohl massentauglich ist. Eine abschließende Empfehlung aber hatten die Experten: Dirndl-Exotismus.

Doch die Rückkehr zu traditioneller Kleidung, mahnte Houellebecq, sei weit schwerer, als den Leuten etwa die Sushifresserei abzugewöhnen. Auch Schriftsteller lockten übrigens Touristen und Maler erst: „Die malen ja auch noch die Gegend.“ Damit sprang er, unwirsch Signiertanten abwimmelnd, ins wartende Taxi und raste zum Flughafen zurück. Wer in den Ferien unglücklich ist, das hatte er eingangs moniert, der gelte heute als Versager. Ungefähr das sagt die Mutter auch.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Schirn Kunsthalle

 
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