Von Lorenz Jäger
21. April 2008 Wenn Gottfried Benn, geboren am 2. Mai 1886, von den großen Festen sprach, von denen, die den Göttern geweiht waren, dann führte am Stier kein Weg vorbei. Vielmehr am Opfer des geschmückten Stiers, wie es beim Hauptfest der Griechen zwingend war: Panathenaen / In Heiligtumen / Tyrrhenischer See / Stier unter Blumen / An Danae. Der Reim verbindet das Heilige mit dem Opfertier: Für den Pfarrersohn Benn bedeutete der Stier die vitalste, ganz untheologische Form der Götternähe. Ähnlich in dem Gedicht Der späte Mensch. Hier fließt letztes Blut des weißen Stiers über die schweigenden Altäre.
Der Stier ist das zweite Tierkreiszeichen nach dem Widder. Er vertritt nun alles Beharrende, das dem ersten Impuls entgegensteht - das Gewachsene, nicht das Gewollte, das Schwere; das, was seiner Naturbeschaffenheit nach als wertvoll gilt. Deshalb ist der Stier, frühes Bild des Reichtums, ein würdiges Opfer. Und vielleicht redete Benn, der Stier, ja von sich selbst und vom eigenen Älterwerden, als er 1929 schrieb: Süße Stunde. O Altern! / Schon das Wappen verschenkt: Stier unter Fackelhaltern / und die Fackel gesenkt.
Der eherne Stier speit Flammen
Aber es gibt noch einen anderen Stiermythos bei ihm, einen sexuellen. Er ist schnell erzählt. Minos, der Herrscher von Kreta, opferte dem Meeresgott Poseidon und flehte, es möge ein Stier aus der Tiefe kommen, den er dann dem Gott zu opfern versprach. Das Tier erscheint, aber Minos nimmt ihn unter seine Herde auf und opfert stattdessen einen andern. Der Götterzorn folgt prompt. Poseidon ließ Pasiphae, die Tochter des Herrschers, in Begierde zum Stier entbrennen. Sie lässt sich eine hölzerne Kuh bauen, in der sie sich verbirgt, und paart sich mit dem vom Gott Gesandten.
Benns Kurzdrama Karandasch zeigt den Arzt Pameelen, fliehend vor dem Kausalitätsdenken der Wissenschaft in die Antike eines Museums. Das Stück mündet in die Vision des Arztes: Pasiphae, wie Du am Stier vergehst. Gleich ist ein Museumsdiener da und ruft ihn zur Ordnung: Unzucht, alles Unzucht! In dem Gedicht Karthago des Jakob van Hoddis, geboren am 16. Mai 1887, 1942 verschwunden in Sobibor, lautet die erste Zeile: Der eherne Stier speit Flammen. Das war die katastrophische Moderne, die Großstadt, in die Antike gespiegelt, ins Menschen- und Brandopfer. Umsonst heult der eherne Stier mit feurigem Schlunde, / Eure Töchter und Söhne verbrennt ihr im grässlichen Feuer vergebens. Wir finden bei den Dichtern der klassischen Moderne Stiere aller Art - nur den Stier-Zeus, der sich verwandelt hatte, um die phönizische Prinzessin Europa zu entführen, den olympischen Stier also, den finden wir nicht mehr. Die Rolle des jupiterhaften Dichterfürsten war nicht mehr attraktiv.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Archiv