14. April 2005 Auch die Ästhetik des Widerstands braucht ein schönes Gesicht. Nicht zuletzt deswegen fehlte das Che-Guevara-Porträt einst in keiner ordentlichen WG-Küche. Im Kino hat jüngst die Schauspielerin Julia Jentsch die vakante Rolle einer Ikone der Unbeugsamkeit übernommen. Sie spielte kurz nacheinander zunächst eine junge Globalisierungsgegnerin im Polit-Kammerspiel "Die fetten Jahre sind vorbei" und dann die Sophie Scholl. Ob beabsichtigt oder nicht - der visuelle Kurzschluß zwischen den beiden Frauen stattete das antikapitalistische Engagement der Attac-Generation mit einem historischen Resonanzraum aus und verlieh umgekehrt der Widerstandskämpferin durch optische Evidenz neue Aktualität. Diese Korrespondenz ist so assoziativ wie produktiv, schärft sie doch den Blick für die historischen Differenzen. Als Robert Menasse nun in der ersten seiner Frankfurter Poetikvorlesungen Sophie Scholl als Kronzeugin für seine Generalanklage der Gegenwart anführte, berührte das vor allem deswegen peinlich, weil er diese unterschiedlichen Fallhöhen bewußt einebnete. Er, Menasse, werde im folgenden einige "Ungeheuerlichkeiten" sagen, Dinge, "die unerträglich kompromißlos klingen, kindisch undiplomatisch". Denn: "In Wahrheit ist der diplomatische Kompromiß, der einkalkulierten Opfern abverlangt wird, nichts anderes als eine Technik, um aus Opfern zugleich Mittäter zu machen." Dann eben berief er sich auf das Beispiel Sophie Scholls. Ihre im Kino zu bewundernde Kompromißlosigkeit - nebenbei wurde Ruth Klüger für ihr allzumenschliches Gedankenspiel gescholten, sie hätte sich doch durch ein bißchen mehr Verstellung und Inkonsequenz retten mögen - nahm Menasse für sich in Anspruch und setzte so alle mit den Weltläuften Zufriedenen mit den Duckmäusern der Naziherrschaft gleich: Auch der Gang der Dinge hat seine Mitläufer. Nun ist es nichts Neues, daß der an Hegel und Adorno geschulte Menasse am Antlitz der (Schein-)Demokratie die Fratze des Faschismus wiedererkennt, die vermeintlich alternativenlose Globalisierung als Rückfall in die Schicksalsgläubigkeit der Vormoderne diagnostiziert und so die Aufklärung - als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit - erst am Anfang stehen sieht. Das hat bei allen Einseitigkeiten und Simplifizierungen, die Geschichtsphilosophie oft mit sich bringt, etwas beeindruckend Unzeitgemäßes und erfüllt erst recht eine wichtige Funktion im Binnendiskurs Österreichs, wo Menasse unlängst eine erregte Debatte über die Wiederkehr des Austrofaschismus (nicht bei Haider, sondern der ÖVP) ausgelöst hat. Doch wer Widerstand leisten will, braucht stets einen Tyrannen. Die Höchststrafe für die Unbeugsamkeit wäre ihre Folgenlosigkeit. Und so muß Menasse die Provokationsschraube immer weiter drehen, um überhaupt in jene Opferrolle zu geraten, die seine Rede von den allgegenwärtigen Tätern voraussetzt. Das ist die alte Logik der Eskalation, die dem System die Maske vom Gesicht reißen will. Menasses rhetorische "Ungeheuerlichkeiten" sind eine Übertragung dieses Prinzips vom politischen Kampf auf den öffentlichen Diskurs. Sein Tyrann ist der Zeitgeist selbst, den er aus jedem seiner Kritiker sprechen hört. In fünf Vorlesungen unter dem Titel "Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung" will Menasse in den kommenden Wochen zeigen, "wie wir den Begriff Engagement notwendigerweise retten können". Das Frankfurter Bildungsbürgertum applaudierte heftig und lang anhaltend. Wie ihn das gewurmt haben muß. rik
Text: F.A.Z., 14.04.2005, Nr. 86 / Seite 33