Helmut Schmidt

Die Majestät des Berechenbaren

Von Gerhard Stadelmaier

10. Dezember 2008 Es sollte vor ein paar Jahren im Berliner Renaissancetheater eine sehr komische, denunziatorische deutsche Szene werden, die sich auch nur ein Engländer in einem Drama, das er sinnigerweise „Democracy“ nennt, ausdenken kann: Die zwar ständig alkoholisierte, in Depressionen schwappende, entscheidungsunlustige, dabei vielweiberige, spionageaffärengeschwächte, aber immer noch heilsbringermäßig geliebte Lichtgestalt Willy Brandt gibt auf - ein König aller republikanischen Königreich'. Der aus allen Rhetorikwolken sozialdemokratisches Manna regnen ließ, aber selbst wenn er gewollt hätte, 1974 nicht mehr auf einen Tisch hätte hauen können, weil ihm der fiese Wehner („Der Kanzler badet gern lau“) und der fette Kluncker (Gewerkschaft öffentliche Dienste und Intrigenverkehr) im Verein mit den Herren Guillaume (Stasi, ostdeutsch) und Nollau (Verfassungsschutz, westdeutsch) alle Tische vor der Nase wegzogen. Kanzlerkönig Willy also geht in die Mythoskulisse ab.

Und jetzt stehen da im Deutschland-Stück des Engländers Michael Frayn ein paar leere Stühle herum. Der Darsteller, der den Helmut Schmidt, sozusagen den ersten besten streng pomadegescheitelten Angestellten des Königs Willy, gespielt hat, tritt zum Stuhl in der Mitte der Bühne und nimmt darauf Platz. Als wolle er denjenigen, der vorher königlich darin saß, mit dem Hintern wetzend wegwischen. Der Auratische sagt melancholisch Adieu, der Macherische Hoppla, jetzt komm' ich! Und man dachte wieder einmal mit Paul Valéry, dass die Welt nur durch die Extreme Wert - aber bestimmt nur durch das Mittlere Bestand und eine Überlebenschance hat.

Majestät des Berechenbaren

Das spielte 1974. Heute, vierunddreißig Jahre später, wird der Kanzlersesseleinnehmer von damals, der selbst nach acht Jahren einem anderen Helmut den Platz räumen musste, bald neunzig. Er hat weder als Kanzler noch danach irgendeinen königlichen Manna-Satz gesagt, der durch ein Extrem der Welt einen Wert verschafft hätte - nur lauter Sätze, die auf den vernünftigen Bestand der Welt zielten. Aber seltsam, jetzt scheint plötzlich diese Welt, die in ihrem Bestand ja höchst gefährdet ist, verehrungs- und respektvoll vor diesem knochentrocken vernunftgenialen ehemals Ersten Angestellen der Republik sich zu verbeugen.

Und ihm als einem König Helmut I. beim Verkünden von Erkenntnissen à la „Zwei und zwei sind vier“ atemlos zu lauschen. Als seien's alttestamentarische Prophetenorakel. Es wär' zum Lachen, wenn es nicht vielleicht so ist, dass im Drama einer Zeit, in der die Grundrechnungsarten selbst höchstfinanzgestellten Persönlichkeiten zu hoch sind, der einzig Berechenbare ganz von selbst Majestät wird.

Text: F.A.Z.

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