24. Oktober 2007 Bundespräsident Köhler hat die Wiedereröffnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar genutzt, um eine kulturpolitische Offensive zu eröffnen. Statt mit dem Stolz des Festredners nur auf das Engagement des Bundes zu verweisen, das die Restaurierung des verkohlten Gebäudes in nur drei Jahren möglich machte, hat Köhler beim gestrigen Festakt in Weimar den Finger gleich auf mehrere Wunden gelegt. Dass mit der Wiedereröffnung nur ein Etappenziel erreicht ist, weil die kostspieligen Restaurierungsarbeiten an den beschädigten Büchern voraussichtlich bis zum Jahr 2015 dauern werden, ist in den letzten Wochen oft gesagt worden. Aber Köhler hat ebenso wie nach ihm der Kulturbeauftragte Neumann darauf hingewiesen, dass die Anna Amalia Bibliothek nur einen, wenngleich besonders kostbaren Stein im Weimarer Mosaik darstellt: Die Klassik Stiftung steht auch nach der glücklichen Wiedereröffnung vor großen Problemen. Neumanns Empfehlung, das Schloss ins Zentrum eines neuen Konzepts für das Gesamtensemble zu stellen, entspricht nicht nur den Wünschen der Stiftungsleitung, sondern wurde auch mit dem verheißungsvollen Unterton einer Forderung vorgetragen. Nun muss Thüringen reagieren. Dass der Bund in Zukunft mehr Verantwortung in Weimar übernehmen will, machte Köhler deutlich, als er die Pflege der europäischen Kulturstadt Weimar als "gesamtstaatliche Aufgabe" bezeichnete. All dies sind gute Nachrichten. Was aber hat die Leiterin einer maroden Stadtteilbibliothek in Dortmund, Offenbach oder Berlin davon, dass am Mittwoch eine der schönsten Bibliotheken der Welt glanzvoll wiedereröffnet wurde? Nichts, müsste die Antwort lauten, hätte Köhler nicht kurzentschlossen den Sprung von der Fest- zur Brandrede gewagt. Mit wenigen Sätzen skizzierte er die desolate Gesamtsituation der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland und machte so selbst den ersten Schritt zur Verwirklichung seiner Forderung, Bibliotheken auf die "politische Tagesordnung zu setzen". Köhler beklagte nicht nur die dürftige Versorgung auf dem Land, das Fehlen von Bibliotheken in mehr als achtzig Prozent aller Schulen und die nicht selten lächerlich zusammengeschrumpften Ankaufsetats vieler Universitätsbibliotheken, sondern er machte vor allem deutlich, dass in Deutschland das Bewusstsein dafür fehlt, dass Bibliotheken auch im Medienzeitalter die entscheidenden Bildungsorte neben den Schulen sind. Damit sich dies ändert, hat Köhler den Festgästen in Weimar nicht nur schöne Worte, sondern auch "ein wenig Schwarzbrot aus dem Alltag unserer öffentlichen Bibliotheken" offeriert. Besser als mit dieser Schwarzbrot-Rede hätte der Bundespräsident den Festtag nicht nutzen können. igl
Text: F.A.Z., 25.10.2007, Nr. 248 / Seite 35