12. Oktober 2004 Jetzt, da Anke Engelke abgetreten ist und allenthalben eine Verschwörung der Kritikermänner gegen die Spaßfrauen im Fernsehen vermutet wird, muß man wohl einiges klarstellen.
"Zimmer frei!" mit Götz Alsmann und Christine Westermann bildet nach wie vor den Olymp der Fernsehunterhaltung in der Ära nach Harald Schmidt. Und der einen möglichen, ja der einzig denkbaren Nachfolgerin von Anke Engelke, der Viva-Moderatorin Sarah Kuttner, möchte man wünschen, daß sie, sollte der Sendeplatz bei Sat.1 ihr angetragen werden, der reichen Verwandtschaft die kalte Schulter zeigt und bei ihrem Format bleibt, das kleiner ist, wohnzimmerhaft, sparsam, mit einem quotenmäßig vielleicht schmalen, aber von ihr gut dressierten Zuschauersegment.
Lieber etwas angefettet und leberwurstartig
Sarah Kuttner hat definitiv mehr Charme, als Anke Engelke jemals erreichen konnte. Es ist der Zauber, den das nicht völlig Perfekte jederzeit gegenüber dem Gelackten und Teuren geltend machen kann. Und sie macht das "große Fernsehen" mit viel Geschick nach, sie hat eine Band, sie hat ihren Stichwortgeber-Andrack, sie hat sogar ein herrlich albernes "Philosophisches Quartett" von dösigen, mäßig motivierten Jugendlichen, die sich dann und wann die "Kritik der Urteilskraft" vornehmen.
Weil nicht viel Geld da ist, sind intelligente deutsche Gruppen wie "2raumwohnung" eher bei ihr zu Gast als anderswo. Bedauern wird mancher Zuschauer nur, daß er nicht mehr der Altersgruppe der Vierzehn- bis Vierundzwanzigjährigen angehört, auf die Sarah Kuttners Sendung zugeschnitten ist. Sicher, bei Sarah Kuttner sind nicht alle Themen und Witze so, daß man die Sendung dem allerjüngsten Nachwuchs empfehlen möchte. Aber wenn es wahr ist, daß ordinär zu sein als das Vorrecht des Volkes angesehen werden muß, dann hat man es lieber richtig: lieber etwas angefettet und leberwurstartig und authentisch bei der Kuttner, als hochglanzpoliert bei der Engelke, wo Status und Intelligenz mit viel Mühe simuliert wurden. Besser und bescheidener werden - Deutschlands Zukunft.
Text: L.J., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2004, Nr. 238 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET
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