Glosse Feuilleton

Literaturhausliteratur

09. Oktober 2005 Wenn Peter Esterhazy eine Festrede hält, dann spricht er über die Rolle des Festredners; wenn er ein Literaturhaus eröffnet, dann schlüpft er in das Kostüm des Literaturhauseröffners. Und wenn das Literaturhaus in Frankfurt steht, dann gibt er vor, sich eigentlich seit eh und je auf das Eröffnen von Frankfurter Literaturhäusern spezialisiert zu haben. Und er zitiert, mild-ironisch gestimmt, den "Diskurs", wie man wohl sagen muß, der Literaturhäuser, dieses merkwürdige ethische Prämienwesen für das Lesen und das Buch an sich und für die dabei stattfindenden "Begegnungen", den Jargon also, der im vergangenen Jahrzehnt mit dem neuen Bildungseifer über uns gekommen ist, diese Ideologie, die da, bringt man sie auf ihren Kern, nichts Geringeres besagt, als daß uns das Lesen, als höhere Tugendübung, am Ende zu besseren Menschen macht. Peter Esterhazy nimmt diese Lehre aufs Korn, nur ungleich höflicher und charmanter, als wir es hier tun können. Spitzen wir also ruhig einmal zu: Der eigentliche Feind des Literaturhauses ist die Literaturhaus-Literatur, genauer noch: die Literaturhaus-Literaturtheorie. Als Walter Pehle vom Vorstand des Frankfurter Literaturhauses sprach, da hörten wir diese Lehre von der unmittelbar versittlichenden Wirkung des Lesens in ihrer kürzesten Form: "Gewalt und Bücher passen nicht zusammen", sagte Pehle. Das war eine kleine Spitze gegen die Plakatierung der Firma VW am neuen Frankfurter Literaturhaus, die den Affen King Kong bei einem Gewaltakt zeigte, falsch bleibt es trotzdem - es ließe sich das gerade Gegenteil mit besseren Gründen behaupten, aber das würde schlecht zu einem Festakt passen, also läßt man es. Die Leiterin des alten und neuen Frankfurter Literaturhauses, die nie genug zu preisende Maria Gazzetti, hat über Gabriele D'Annunzio promoviert, einen Mann also, der zum Verhältnis von Gewalt und Literatur seine eigenen Gedanken und Erfahrungen hatte, um das mindeste zu sagen, über einen zur Literaturhaus-Eröffnung also denkbar schlecht geeigneten Kronzeugen, und sie dürfte darum auch die einzige sein, die dem Literaturhaus-Literaturjargon auf Dauer zu widerstehen vermag. Eröffnet wurde das schöne Haus an der Schönen Aussicht eigentlich zweimal. Bei der Schlüsselübergabe am vergangenen Dienstag hörten wir Reden von Rüdiger Volhard, der gar nicht so grauen Eminenz des Frankfurter Kulturlebens, und der Oberbürgermeisterin Petra Roth, aus denen der berechtigte Bürgerstolz sprach. Wir hörten auch eine Rede von Roman Herzog - er sprach für die Hertie-Stiftung, die einen maßgeblichen Anteil an der Finanzierung des Hauses hatte -, aber ach, diesmal ging kein Ruck durch den Saal; Griechenland kam vor und die Demokratie und die Neuzeit und die Informationsflut der Gegenwart: "Wer behält eigentlich den Überblick?" fragte der Altbundespräsident präsidial und rief nach Menschen, die "gelegentlich die Quersumme" aus den vielen Nachrichten zu ziehen wüßten. Nun zu Erfreulicherem. Am Eröffnungsabend zeigte es sich, daß ein jüngeres Publikum angezogen wurde, was für die Zukunft des herrlichen, rekonstruierten Baus der früheren Stadtbibliothek hoffen läßt. Der Etat ist knapp bemessen, was mit der weiterlaufenden Miete für das "alte" Literaturhaus an der Bockenheimer Landstraße zusammenhängt, aber man begann schon bei der Eröffnung, für weiteres bürgerschaftliches Engagement zu werben. Daß die Stadt die Kraft gefunden hat, in einer Zeit der Finanznöte überhaupt einen solchen würdigen Bau zu errichten, ist allemal Grund zum Feiern. L.J.

Text: F.A.Z., 10.10.2005, Nr. 235 / Seite 33

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