Glosse Feuilleton

Schäuble, oh

19. April 2007 Antwortet der Bundesinnenminister auf die Frage der "Stern"-Reporter, was ihm im Kampf gegen den Terror die Unschuldsvermutung bedeute: "Oh, die gilt im Strafrecht." Mit dem "Oh" war gemeint: Die gilt nur im Strafrecht. Man versteht: In dieser Sonderwelt des Paragraphendschungels, die mit dem Leben nicht die Bohne zu tun hat, oh ja, in ihr mag sie getrost auch weiterhin gelten, die Unschuldsvermutung. Dagegen hier in unser aller bodenständigen Lebenswelt, oh nein, hier gilt sie selbstverständlich nicht, die Unschuldsvermutung. Polizeilich abzuwehrende Gefahr lauert hier hinter jedem Busch. "Ach herrje", so entfaltet Wolfgang Schäuble den Schuldzusammenhang, in den wir alle verstrickt seien, "in der politischen Auseinandersetzung gibt es auch keine Unschuldsvermutung. Aber Spaß beiseite." Schäuble schiebt den Spaß dann aber gar nicht beiseite, er bleibt vielmehr ganz im Ernst sehr spaßig, auf eine Weise, die auch einem ausgefuchsten Erbsündentheoretiker wie Augustinus Respekt abgenötigt hätte. In Fortführung der Plettenberger These, dass alle politischen Begriffe säkularisierte Heilsbegriffe sind, schlägt Schäuble vor, dass wir - fides und ratio mutig zusammendenkend - vernünftigerweise vermuten sollen, dass alle Dreck am Stecken haben. Der Vorschlag mag vorderhand eine eigentümlich mutmaßliche Note haben - die Bundesjustizministerin nennt ihn verkürzt gar "wirr" -, er öffnet der Kulturkritik gleichwohl ganz neue Möglichkeiten. Nehmen wir die Restaurantkritik mit ihren totgelaufenen Kriterien von lecker bis eklig. Wem sagt lecker und eklig heute, da die Maßstäbe der Kritik sich vermengen, noch irgendwas? Was heißt hier lecker, was eklig? Hat nicht, fragt Schäuble, alles Leckere einen Stich ins Eklige? So lässt man sich die Aussage, der Braten sei schuldig, gern auf der Zunge zergehen. Darin steckt ein Qualitätsurteil, das allen Gefahren des schlechten Geschmacks ins Auge blickt, ganz egal, was auf den Tisch kommt. In einer verquasselten Zeit, in der sowieso keiner mehr zuhört, in der unsere Begriffe verbraucht sind, die ästhetische Theorie an ihr Ende gekommen ist und jeder zu Recht das Gefühl besitzt, es müsse nun endlich mal etwas grundsätzlich Neues kommen - "in dieser Zeit leben wir" (Schäuble) -, in dieser kulturellen Auszeit also haucht der Innenminister unserer erschöpften Zivilisation mit einem einzigen Satz neues brodelndes Leben ein. Schäubles Ausführungen über das sogenannte Böse in allem und jedem verdienen es, als kulturkritisches Manifest respektiert zu werden. Endlich hat die Schuld ihr enges strafrechtliches Korsett gesprengt und schießt als Geschmacksache ins Recht. Wie war es denn, Ihr Essen? Ach herrje, jedenfalls nicht unschuldig! Und was halten Sie von Schäuble? Oh, ich vermute jetzt mal: Der Mann ist schuldig, eindeutig schuldig! gey

Text: F.A.Z., 20.04.2007, Nr. 92 / Seite 33

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