08. Oktober 2008 Angesichts der sich stündlich verschärfenden Finanzkrise gibt uns die tägliche Fünfminutensendung Börse im Ersten festen Halt. Denn mit sonorem Grundton und gelegentlichen launigen Anmerkungen zu Bankern, Aktionären und anderen Leichtgläubigen verströmen die Moderatoren Anja Kohl und Michael Best Beruhigung.
Wo noch so viel ironische Distanz möglich ist, kann der Börsenkrach nicht das Ende der Welt einläuten. Oder? Das glaubten wir zumindest bis zum 6. Oktober, als uns an diesem Abend plötzlich die Worte Anja Kohls wie die Glocken der Apokalypse im Ohr dröhnten. Der Papst, so hörten wir, habe erklärt, die akute Finanzkrise beweise: Geld ist nichts.
Das Modell Kardinal Lehmann Brothers
Die Börse, dieser Inbegriff des Weltlichen, hört auf das Oberhaupt der katholischen Christenheit? Sie, die Prophetin aller Finanzen, schwört dem Grundsatz Geld regiert die Welt ab? Was Anja Kohl uns eigentlich sagen wollte, lautet vor diesem Hintergrund wohl: Da hilft nur noch beten. Derart um letzte Zuversichten gebracht, fallen uns anderntags die sonderbar vielen Lieferwagen von Aktenvernichtungsfirmen ins Auge, die in Frankfurts Bankenviertel kreisen. Zufall? Überreaktion unsererseits? Oder doch Indiz, dass das bisherige Bankenschwanken nur Vorbeben eines kompletten Zusammenbruchs ist?
Versteh noch einer die Welt: Während die Börse das Beten lernt, lehrt die Kirche krisenfeste Geldanlagen. Als es in der vorigen Woche bei Frank Plasbergs hart aber fair hieß Börsencrash und Bankenpleite - wie sicher ist unser Geld noch?, wiesen Experten auf Kardinal Lehmann hin, dessen Stiftung Hoher Dom Mainz im Oktober 2007 via Landesbank Rheinland-Pfalz Dom-Anleihen ausgegeben hat. Kurzfristiger Dom-Gewinn infolge von je einem Prozent Spende der jeweiligen Anlagesumme aller Anleger: 56.000 Euro. Perspektive: die Rendite hängt vom Dax und Div-Dax ab, im besten Fall erhalten die Investoren einen Aufschlag von fünfzig Prozent, im schlechtesten nach fünf Jahren ihre Investitionssumme.
Genau solche Konditionen aber bot die kollabierte Investmentbank Lehman Brothers auch ihren Kunden. Deren Chef Richard Fuld widersprach vor zwei Tagen bei einer Anhörung im Kongress in Washington heftig, als man ihm vorwarf, er habe seinerzeit 500 Millionen Dollar an Gehalt und Prämien eingenommen, weigere sich nun aber, Verantwortung zu übernehmen. Es seien, so Fuld, seit dem Jahr 2000 lediglich 310 Millionen gewesen. Der Mann hat offenkundig weder dem Papst zugehört noch Börse im Ersten geschaut.
Text: F.A.Z.