09. Mai 2006 Die polnische Regierung empfängt gegenwärtig täglich Abschiedsgrüße. Seit das Kabinett von Gnaden der Brüder Ka-czynski am Freitag den Boxer, Ex-Sträfling und Bauerntribunen Andrzej Lepper in seine Reihen aufnahm, sind zunächst Außenminister Stefan Meller und die Deutschland-Beauftragte Irena Lipowicz aus Protest zurückgetreten. Gerade teilte der auch international renommierte Stettiner Historiker Jan M. Piskorski in einem offenen Brief an den Kulturminister mit, warum er an einer wissenschaftlichen Konferenz in Warschau, zu der der Ministerpräsident erwartet wird, nicht teilnehmen könne: Im Gespräch mit dem Magazin "Focus" hatte Lepper behauptet, es sei "eine Tatsache", daß "Hitler die deutsche Wirtschaft auf die Beine gestellt" habe. Piskorski, der über die Rolle von Intellektuellen in Diktaturen geforscht hat, zog daraus nun den Schluß, er könne angesichts solcher "Neonazi-Propaganda" eines Ministers Einladungen der Regierung nicht mehr folgen. In der Tat ist in den Milieus, aus denen die Brüder Kaczynski ebenso wie Lepper ihre Wähler rekrutieren, nicht nur ein fossiles präkonziliares Dorfchristentum am Leben geblieben, sondern auch dessen schillernde Zutaten Antijudaismus und Autoritätsglaube. Regelmäßiger Zwischenhändler solcher Anschauungen ist - mit beträchtlichen politischen Gewinnspannen - "Radio Maryja", der Haussender der Brüder Kaczynski, der erst vor kurzem beklagte, daß "die Juden" unter dem Vorwand von Entschädigungen "Erpressungsgelder" von Polen forderten. Jaroslaw Kaczynski, Graue Eminenz von Warschau, hat auf die daraufhin laut gewordenen Proteste mit der Bemerkung reagiert, wer die Presse attackiere, attackiere die Freiheit, und wer ein Feind der Freiheit sei, sei ein Feind der Demokratie. Das Vertrackte an solchen Ideologietrümmern aus der Zeit des Nationalsozialismus ist, daß sie in Polen in den Widerstandsmythos einer Nation eingebettet sind, die sich zu Recht zugute hält, ihre Würde und Wahrhaftigkeit während des Zweiten Weltkrieges entschlossener verteidigt zu haben als fast jedes andere unterworfene Volk. Träger dieses Mythos sind zunächst die Brüder Kaczynski persönlich, deren verehrte Eltern im Warschauer Aufstand mitkämpften, ebenso aber auch die Nachkommen Tausender von Polen, die seinerzeit unter Lebensgefahr versuchten, jüdische Nachbarn vor den Nazi-Henkern zu verstecken. Aus dieser Absolution durch antifaschistischen Widerstand leitet "Radio Maryja" nun das Recht ab, jenes "Tabu" zu brechen, "daß man über die Juden nichts sagen darf, außer Gutem". Anders als bei den Deutschen, die feige schwiegen, weil das "Dritte Reich" ihnen "das moralische Rückgrat gebrochen" habe, bewährt sich in dieser Sichtweise auch hier wieder der Wahrheitssinn einer im Widerstand gestählten Nation. Diesem Nazismus aus Antinazismus treten Intellektuelle wie Piskorski jetzt entgegen. Im Polen der Brüder Kaczynski werden sie dafür ein starkes Rückgrat brauchen. ul.
Text: F.A.Z., 10.05.2006, Nr. 108 / Seite 39