Glosse Feuilleton

Endgotik

14. August 2006 An den Vierungspfeilern des Freiburger Münsters, dort, wo vor kurzem noch zwei neugotische Altäre auf frühgotischen steinernen Tischen thronten, klaffen gerade häßliche Wunden. Es sieht aus, als hätten Bilderstürmer die Altäre mit der Spitzhacke herausgebrochen. Archäologen mag das gefallen, denn unter den Altartischen finden sie nun Reste aus älteren Bauphasen des Münsters. Für andere ist das, was da geschehen ist, ein Skandal. Die steinernen Altartische stammten vom Anfang des sechzehnten Jahrhunderts; in ihnen fand man Reliquiengläser aus dem Jahr 1515. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurden sie an die Vierungspfeiler versetzt und erhielten prachtvolle neugotische Aufsätze, die wiederum mit spätgotischen Figuren ausgestattet wurden. Nun hat man die Retabeln in den Kaiserkapellen des Chorumgangs zwischengelagert, die Reliquien in die Schatzkammer gebracht und die Einzelteile der beiden Tische in der Münsterbauhütte deponiert. Als man sie abbrach, mußten sich die Bauarbeiter von Kirchenbesuchern beschimpfen lassen. Die staatliche Denkmalpflege ist damit nicht eben glücklich, aber sie ist machtlos. Denn das Denkmalschutzgesetz des Landes räumt den Kirchen Sonderrechte ein: Liturgische Belange haben Vorrang vor konservatorischen. Und eben die Liturgie ist es, deretwegen der Abbruch erfolgte. In die romanische Vierung hinein wird eine steinerne Stufenanlage gesetzt werden, deren Zentrum ein mächtiger Granitaltar des Künstlers Franz Gutmann bildet. Gutmanns Konzept: Der Chor wolle zum Volk. Allein - das Volk reagiert mit heftiger Ablehnung auf den Annäherungsversuch. Als Klaus Starke, Professor an der Freiburger Universität, einen Aufruf in der "Badischen Zeitung" veröffentlichte, sich seiner Kritik an den Umbauplänen anzuschließen, erhielt er binnen kurzem 1200 unterstützende Zuschriften. Ohnehin hat es mit der Nähe des Priesters zum Volk im Freiburger Münster so seine Bewandtnis: Da das Langhaus schmal und das Querhaus eng ist, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Volk rückt gen Osten näher an einen im Chorbogen stehenden Altar heran, oder der Altar rückt in die Vierung vor und drängt das Volk gen Westen, also in Richtung Hauptausgang. Letzteres wird nun ins Werk gesetzt, obwohl auch die andere Lösung im Einklang mit der Liturgiereform des Zweiten Vaticanums gestanden und die Erhaltung der Vierungsaltäre ermöglicht hätte. Seit jeher hat die Kirche die im Osten aufgehende Sonne als Sinnbild Christi gedeutet. In Freiburg wendet man sich nun von ihr ab. Will der Chor weg vom Morgenlicht? Der vorrückende Altar schiebt das Gottesvolk quasi ins Abendrot. Hat man in Freiburg die Orientierung verloren? miga



Text: F.A.Z., 15.08.2006, Nr. 188 / Seite 29

 
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