Glosse Feuilleton

Nörgelei

14. Februar 2006 Auf die Freiheit der Meinungsäußerung ist der Westen stolz. Wie gerne täte man dabei mit und klopfte sich selbst auf die Schulter. Es will nicht recht gelingen. Ob das Mißtrauen gegen die allzu selbstverständliche Einigkeit quer durch alle Gruppen mitspielt? Tatsache ist: Es gibt in der Welt Völker und Kulturen, bei denen Karikaturen, auch und gerade die herabsetzenden, allgemein gebilligt oder jedenfalls unter Berufung auf höhere Güter gerechtfertigt werden. Über Muslime darf man sich derzeit ungestraft lustig machen, bei anderen Gruppen wird es schwieriger. Die Sache ist, wie so vieles, asymmetrisch. So ist der Westen keine Zone, in der es etwa ohne Tabus abginge - nur, wir sehen sie nicht, weil sie uns so selbstverständlich geworden sind. Versuche doch jemand einmal, mit just der Begründung, mit der man eben die dänischen Karikaturisten in Schutz genommen hat, das folgende Gedankenexperiment: eine Karikatur, Kofi Annan darstellend, mit großem Nasenring aus Holz, einem Leopardenschurz und einem Massai-Speer, die Blauhelme im Kongo kommandierend. Mittlere diplomatische Verwicklung! Entschuldigungen noch und nöcher! Oder Klaus Wowereit zusammen mit Guido Westerwelle beim Christopher-Street-Day, dem Anlaß entsprechend entkleidet? Auf eine praktische Lektion über die Grenzen der Meinungsfreiheit müßte der Zeichner nicht lange warten. Sicher, die "Titanic" darf das, sie hat genau dafür ihre Nische. Aber eine Tageszeitung? Da sei der Presserat vor, von dem es Rügen hageln würde, von dem man ja schon Post bekommt, wenn die ethnische Herkunft eines Straftäters zu deutlich erwähnt wird. Werden wir doch bescheidener und nur ein wenig realistischer in unserem Kulturstolz. Wer künftig über Meinungsfreiheit reden will, der beginne im eigenen Land und bei den eigenen Scheren, den wirklichen oder den eingebildeten im Kopf. L.J.

Text: F.A.Z., 15.02.2006, Nr. 39 / Seite 37

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