Die neuesten Zahlen

Wurmfragetief

Von Oliver Jungen

07. Juli 2008 Jede Umfrage würde wohl ergeben, dass ein signifikanter Anteil der Befragten nicht versteht, warum nicht auf Wahlen verzichtet wird, wo es doch einen ausgelatschten Königsweg zum Unbewussten gibt - eben die Umfrage. Und die grassiert: Hamburgs Männer, hören wir soeben, halten sich mit 1,837 Metern für die größten, ganz hinten liegen die Rostocker mit 1,763 Höhenmetern.

Auffällig überhaupt die Zahl 63: 63 Prozent der Frauen über 55 Jahren finden Cowboystiefel bei Männern unsexy. 63 Prozent der Deutschen verwenden laut Allensbach routiniert das Wort „Scheiße“. Und wiederum 63 Prozent aller deutschen Familien mit Kindern wollen in diesem Jahr verreisen. Allerdings möchten 48 Prozent vor dem Urlaub Gewicht verlieren, davon 21 Prozent bis zu fünf Kilo, um am Buffet gewissenlos zuschlagen zu können. Vielleicht auch deshalb machen sich 56 Prozent der Deutschen Sorgen über ihr Ansehen im Ausland.

Fünfundsiebzigprozentige Euphorie

Mit 54 Prozent ähnlich hoch die Zahl der Gegner des Sächsischen, von wo man erste Beschwerden vernimmt: Man habe dem Deutschen doch so schöne Wörter geschenkt wie „Hader“ für Scheuerlappen und „Gelumbe“ für Kram. Ansonsten die erwartete Schere zwischen gefühltem Gefühl und Fachgefühl: Fünfundsiebzigprozentige Euphorie im ganzen Land, während das Stimmungsbarometer „deutscher Fachleute“ dennoch auf erschreckende „minus 52,4 Punkte“ geplumpst ist, das Ende vom Galgenlied nicht abzusehen.

Wie aber erklärt sich das Ergebnis der Internetumfrage „Das schönste deutschsprachige Gedicht“? Geschenkt, dass olle Schulkamellen wie „Zauberlehrling“ (564) oder „An die Freude“ (408) locker ausgestochen werden durch 1256 Stimmen für Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ („. . . ein Birnbaum in seinem Garten stand“). Aber der allerletzte, nämlich 267. Platz bei nur einer Stimme für Christian Morgensterns „Glockenwurm“ („Der Glockenwurm, / der Glockenwurm / geht um im Turm / beim Neumondsturm“) - das ist nicht fair! Immer auf den Glockenwurm!

Gerade erst haben wieder vierundneunzig Prozent der deutschen Frauen umgefragt beteuert, sie würden zum Wohle der Kohabitation auch „schmutzige Wörter“ einsetzen wollen. Große Ohren machte da der Glockenwurm. Nach über hundert Jahren, so dacht' er, hätt' endlich sein Stündlein geschlagen: „Es klopft / und tropft - / und rotbezopft / Sophie dem Wurm / die Strümpfe stopft.“ Aber nichts da. Sächsisches Gelumbe werden die Damen gemeint haben. Oder Allensbachisches. Deshalb also gibt es freie Wahlen. Der Glockenwurm tritt an. In Cowboystiefeln.



Text: F.A.Z.

 
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