Auswärtige Kulturpolitik

Europa ade!

Von Patrick Bahners

Die neuen Pläne des Goethe-Instituts überraschen ob ihrer Naivität

Die neuen Pläne des Goethe-Instituts überraschen ob ihrer Naivität

13. April 2006 Wenn es ans Sparen geht, ans Kürzen und Abbauen und Dichtmachen, verhält sich das Goethe-Institut wie jeder Weltkonzern. Man wiegelt ab, solange es geht, um der schlechten Nachricht, wenn man sie dann enthüllt, einen guten Dreh zu geben, der mit der Drift des großen Ganzen in Verbindung stehen sollte, mit der Weltbewegung und der Erdumdrehung.

Während man noch auf nicht abgeschlossene Diskussionsprozesse verweist, wird das Publikum hintenherum schon auf die unerfreulichen Mitteilungen vorbereitet. Als Mitte März in Kopenhagen das Gerücht für Aufregung sorgte, das dortige Goethe-Institut solle geschlossen werden, verlautete aus der Münchner Zentrale, an eine Schließung sei nicht gedacht und überdies sei noch nichts entschieden (F.A.Z. vom 24. März). Die Dänen, über Goethe irritiert, mochten angesichts solcher Auskunft ihre Zuflucht zu Shakespeare nehmen: Die Präsidentin, dünkt uns, protestiert zuviel!

Man bestaune: das „Büro-Institut“!

Es lag auf der Hand, daß unter Schließung von den Gästen und den Hausherren Unterschiedliches verstanden wird. Die Germanistikstudenten, Deutschpopfans und Staeckpostkartenkomplettsammler erwarten, daß es auch nach dem Umzug, den die Kündigung durch den Vermieter notwendig gemacht hat, ein Goethe-Institut gibt, wie sie es kennen: einen festen Ort mit Bibliothek, Vortragssaal und kundigem Leiter. Aus Münchner Sicht bliebe Goethe in Kopenhagen auch dann präsent, wenn es an einem Abstellraum der Botschaft ein Türschild gäbe und alle zwei Jahre ein Praktikant vorbeikäme, um ein Festival deutscher Literatur zu organisieren, wahrscheinlich in Kooperation mit der „lit.cologne“, noch wahrscheinlicher mit Festivalbroschüre aus der „Volltext“-Redaktion. Man bestaune: das „Büro-Institut“! Papierloses Büro und bücherloses Institut in einem! Was sich doch alles wegsparen läßt, wenn man's kreativ anpackt.

Über alles, was in München noch nicht entschieden war und ist, informierte dann am 30. März in der „Zeit“ der Berliner Kulturkorrespondent des Blattes quasi als Aushilfspressesprecher des Goethe-Instituts - auch eine Form von Projektarbeit! „Vorüberlegungen für eine umfassende Goethe-Reform“ konnte er referieren, die „im besten Fall das gesamte System bundesdeutscher Kulturarbeit im Ausland der veränderten Weltlage“ anpassen werde. Erkenne die Weltlage! Das ist seit jeher die hamburgisch-liberale Variante des kategorischen Imperativs von Carl Schmitt, und die „Zeit“ präsentiert uns den Generalsekretär Hans-Georg Knopp als Candide, der als Ingenieur der evolutionären Anpassung an die drohenden Budgetkürzungen von 2 bis 2,5 Prozent im Jahr die beste aller Goethe-Welten bastelt.

Struktur soll „reagibler“ werden

Zu den Reformvorüberlegungen, die der „Zeit“-Autor enthusiastisch paraphrasiert, gehören überraschend apodiktische Feststellungen wie aus dem Geschichtsbuch für die Unterstufe: „Vielleicht ist auch jetzt erst der Zeitpunkt gekommen, an dem Konsens darüber besteht, daß die weltpolitische Nachkriegsordnung der Vergangenheit angehört, endgültig.“ Die Zukunftsbeschreibung fällt nicht so poetisch aus wie dieser Satz mit der nachgestellten Endgültigkeit. „Die Struktur der auswärtigen Kulturarbeit insgesamt wird reagibler.“ Wer so etwas liest, wundert sich nicht mehr, daß die Teilnehmerzahlen der Sprachkurse bei Goethe zurückgehen.

Nachdem die Institutszentrale noch vor wenigen Tagen den Bericht der Zeitung „Politiken“ über die Kopenhagener Schließungspläne dementiert hatte (F.A.Z. vom 31. März), hat Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, vorgestern in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Katze aus dem Sack gelassen. Das Kopenhagener Institut ist nur eines der vielen Mäuslein, die auf dem - naturgemäß noch nicht verabschiedeten, sondern „zunächst intern und mit den zuständigen Gremien“ zu beratenden - Speiseplan der Katze stehen. Auf die in den Augen Frau Limbachs „verfrühte öffentliche Debatte“ soll „im Frühherbst“, nicht zu früh, aber früh genug, eine „große Konferenz“ über „Leitbilder der auswärtigen Kulturarbeit“ folgen. Der Tag der langen Rotstifte - von dieser Selbstvermarktung kann sogar die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften noch lernen.

Naiver Kulturbegriff

Die Präsidentin widerspricht der Formulierung des Interviewers nicht, es sei „ein weitgehender Rückzug zumindest aus dem westlichen Europa“ geplant. Der „wechselnde weltpolitische Hintergrund“ liefert den Grund der Operation. Den Dänen, die die Deutschen so gerne bei sich behalten möchten, gibt Frau Limbach zu verstehen, daß dieser Wunsch eine Form von Eurozentrismus ist. „Wir müssen in Europa lernen, daß wir nicht mehr der Nabel der Welt sind. Das ist ein anachronistisches Weltbild.“ Auswärtige Kulturpolitik soll von nun an unter dem Motto stehen: Der Goethe-Vorposten im Land erspart das Bundeswehrkontingent. „Des Goethe-Instituts vornehmste Funktion“ - man beachte das Vornehmheitssignal des vorangestellten Genitiv-Attributs - „besteht darin, in Regionen und Staaten kulturell zu wirken, wo überhaupt erst ein gemeinsamer Verständigungshorizont erarbeitet werden muß, um Konflikte gewaltfrei zu lösen.“

In der Zeit der Nachkriegsordnung hat Goethe in Europa Frieden gestiftet, jetzt, da Deutschland mit den Nachbarn „seit Jahrzehnten befreundet“ ist, hat man trotz knapperem Geld noch Kapazitäten frei für den Nahen Osten. Die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts meint, künftigen Staatenkonflikten im Prozeß der europäischen Einigung werde die kulturelle Dimension der alten Großmachtgegensätze abgehen, weil „inzwischen“ alle Europäer „die Grundsätze des modernen Verfassungsstaats“ akzeptieren. Man weiß nicht, was man für naiver halten soll: die politische Analyse oder den Kulturbegriff.

Wer rettet das Goethe-Institut?

Die europäischen Nationen haben auch und gerade nach Friedensschlüssen wie 1648 und 1815 ihre kulturellen Differenzen kultiviert. Kultur ist eben das, was an Unterschieden übrig bleibt, obwohl man durch politische Prinzipien verbunden ist und Handel treibt. Das Bild, das sich die Dänen oder auch die Polen von uns machen, ist, mit Lord Palmerston zu sprechen, ein permanentes Interesse unser Außenpolitik, weshalb die auswärtige Kulturpolitik notwendigerweise beim Auswärtigen Amt ressortiert. Es wäre eine Tölpelei von wilhelminischem Ausmaß, bedeutete man den Dänen, die unsere Kultur zu ihrer Sache gemacht haben, man könne ihnen leider keine Bücher mehr zur Verfügung stellen, weil das Geld in Dubai für eine Tagung zum Thema „Making Peace, Crossing Boundaries“ gebraucht werde. Aber es gebe ja das Internet.

Die vorgesehenen „Einschränkungen im europäischen Institutsnetz, vor allem in der Ausstattung der Institute“, rechtfertigt Frau Limbach damit, daß sie „Strukturen abbauen“ will, „um mehr Mittel für künstlerische und literarische Projekte freizubekommen“. Projekte statt Strukturen: In dieser Losung versteckt sich kulturimperialistische Arroganz gegenüber den neuen Kunden des Goethe-Instituts. Struktur, das ist ja nicht viel mehr als die Bibliothek, in der man auch auf eigene Faust lesen kann, gegebenenfalls beraten vom Direktor, wenn die Tagungstouristen abgereist sind. In manchem Land weit weg von Europa haben Goethe-Institute politischen Wandel befördert. Ihre Mitarbeiter gewannen Vertrauen, weil sie nicht als Agenten des allerjüngsten weltzivilisatorischen Projekts verdächtigt werden konnten.

Wer rettet das Goethe-Institut? In seinem Schutzgeist hat es einen, auf den es nicht bauen kann. Ein Gedicht kennt jeder, der Deutsch versteht: eine Parabel über die Ohnmacht der Kultur im Lauf der Welt. Zwecklos, daß das Heidenröslein dem Knaben androht, er werde ewig an seine Tat denken. Kopenhagen muß eben leiden.

Text: F.A.Z., 13.04.2006, Nr. 88 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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