Von Mark Siemons, Peking
14. Mai 2008 Eine so verheerende Naturkatastrophe, wie sie jetzt in Sichuan stattgefunden hat, ruft in China unweigerlich die Erinnerung an das letzte große Erdbeben wach, das 1976 mindestens 270.000 Tote forderte und seinerzeit als Vorzeichen einer zu Ende gehenden Ära, der Kulturrevolution, gedeutet wurde: Man gab dem furchtbaren Beben die Bedeutung, dass der greise Herrscher sterben würde (was Mao zwei Monate später tatsächlich tat) und dass eine neue Zeit beginnen würde (und tatsächlich wurde drei Monate später die Viererbande gestürzt, und die bis heute andauernde Phase der Reform und Öffnung begann).
Naturkatastrophen waren ebenso wie Bauernerhebungen in der chinesischen Geschichte immer wieder als Zeichen gedeutet worden, dass eine Dynastie das Mandat des Himmels verwirkt habe. So ist das Erdbeben jetzt auch eine Probe darauf, wie präsent die alten Phantasmen noch sind: Könnte die Katastrophe in der Imagination des Landes wieder eine Eigendynamik außerhalb der sozialen und staatlichen Üblichkeiten entfesseln und entsprechend wenig kontrollierbar sein? Oder ist China heute ein Land, dessen avancierte Marktrationalität und Sozialtechnik einen solchen Taumel ein für alle Mal unmöglich gemacht haben?
Froschwanderungen im jetzigen Epizentrum
Alle Signale, die das staatliche Krisenmanagement zur Zeit aussendet, legen die zweite Möglichkeit nahe. Die Geschwindigkeit, mit der der Staatspräsident die Krisenpläne aufrief, der Ministerpräsident ins Bebengebiet flog und schon während des Flugs eine Pressekonferenz gab, das staatliche Fernsehen fortlaufend über die Region berichtet, hätte man noch beim Schneechaos zu Beginn des Jahres nicht für möglich gehalten, als die Zentralregierung Wochen brauchte, um das Problem zu bemerken. In manchen chinesischen Zeitungen wird das schon als Zeichen der Entwicklung zu einer Zivilgesellschaft gesehen, in der jeder Bürger Zugang zu den wichtigen Informationen hat. Neben der Transparenz wird Wert auf die Wissenschaftlichkeit gelegt.
Ein Mitarbeiter des seismologischen Staatsamts, der schon vor fünf Jahren aus langen historischen Linien die hohe Wahrscheinlichkeit eines Bebens in Sichuan abgeleitet hatte, legt Wert auf die Feststellung, dass das Beben jedenfalls in Übereinstimmung mit den bisher beobachteten Gesetzmäßigkeiten und natürlich sei. Allerdings weisen andere darauf hin, dass man eben weder ihn noch die Vorzeichen der Natur beachtet habe: Vor einigen Tagen waren ungewöhnlich große Froschwanderungen im jetzigen Epizentrum beobachtet worden.
Von irgendwelchen Prophezeiungen ist bis jetzt freilich nichts bekannt. Ganz sicher wird man erst später sagen können, inwiefern neben den Naturgewalten und den Hemmnissen der Bürokratie auch die schwer berechenbaren Unterströmungen einer atavistischen Massenkommunikation zu den Herausforderungen der Katastrophe gehören.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
