09. Oktober 2007 Ein Roman für lange Gespräche" - so lautet das Fazit der kurzen Jurybegründung für das diesjährige Siegerbuch des Deutschen Buchpreises: Julia Francks "Die Mittagsfrau". Die Zeremonie der Bekanntgabe wird live im Radio übertragen, und darum darf die im Kaisersaal des Frankfurter Römer abgehaltene Feier eine Stunde nicht überschreiten. In dieser knappen Frist wollen eine Begrüßung, eine Ansprache, ein Gespräch, sechs Filmporträts der nominierten Autoren, die Preisverleihung und ein Dank des Gewinners untergebracht sein - ganz zu schweigen vom Geplauder des 3sat-Moderators Gert Scobel, der die Abwesenheit von direkt übertragenden Fernsehkameras wohl als Ermunterung bei der Wahl seiner erstaunlichen Krawatte empfand. Bunt musste es sein, obwohl es außerhalb des Saals nur etwas zu hören gab. So stand dann am Ende des Geschehens die Favoritin als Siegerin auf der Bühne und hatte nicht mehr allzu viel Zeit, etwas zu sagen. Diese Glosse kann sich gleichfalls kurz halten, denn "Die Mittagsfrau" wird in unserer heutigen Literaturbeilage zur Buchmesse ausgiebig gewürdigt. Vermerkt aber sei, dass auch Julia Franck den Basso continuo anschlug, der diese Zeremonie untermalte: Es habe im Vorfeld der Preisverleihung viel Streit in den Feuilletons gegeben, und das habe sie überrascht, bisweilen auch erschlagen. Das war eine noble Verteidigung ihrer Konkurrenten durch die Siegerin, nobler jedenfalls, als es die Begrüßungsworte der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth waren, der zur Kritik, die die Jury in den letzten Wochen erdulden musste, im Pluralis Majestatis einfiel: "Uns ist nicht entgangen, dass in der Presse hier und da kritische Bemerkungen gemacht wurden." Und im Stile einer Monarchin, die ihre Subjekte beliebig dem Spott preisgeben darf, fortfuhr: "Das sollte von uns ernst genommen werden." Solch einen versöhnlich gemeinten, aber angesichts des Niveaus der Vorwürfe verheerend wirkenden Satz sollten die Jury, der mit Felicitas von Lovenberg auch eine Redakteurin dieser Zeitung angehörte, und der ausrichtende Börsenverein des Deutschen Buchhandels keinesfalls ernst nehmen, sonst wäre es Zeit, den Kaisersaal zu räumen. Immerhin verwechselte Frau Roth nicht Arno Geiger als früheren Preisträger mit Daniel Kehlmann, wie es Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins, in seiner Ansprache tat. Erste erfreuliche Besserungen gab es auch zu diagnostizieren: Die Filmchen waren besser als in den Vorjahren, und die Verlage müssen sich nicht mehr auf zwei Titel aus ihrem gesamten Jahresprogramm beschränken, sondern können außerdem weitere einreichen, auf die allerdings kein Prüfungsanspruch durch die Jury besteht. Wenn jetzt noch der Siegertitel tatsächlich mehr lange Gespräche als die Auswahl der Jury provoziert, ist der Buchpreis auf dem besten Wege. apl
Text: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite 33