Glosse Feuilleton

Sakralmusikbedarf

09. Mai 2005 Erst kürzlich nahm die Welt Anteil am Schicksal des päpstlichen Klaviers, das aus der römischen Wohnung Josef Ratzingers nur unter Mühen in die vatikanischen Gemächer BenediktsXVI. transportiert werden konnte. Seitdem wissen wir, daß der neue Papst ein begeisterter Pianist ist. Nun hat sich Karlheinz Stockhausen im "Corriere della Sera" zu Wort gemeldet, des Pontifex klavieristische Betätigung als "ein gutes Beispiel" für alle gelobt und ihm zugleich erste Übehinweise gegeben: "Es wäre noch schöner, wenn er Fortschritte machen und auch meine Klavierstücke spielen würde, anstatt nur Bach und Mozart." Stockhausen kann dem Patriarchen des Abendlandes ein Avantgarde-Defizit unterstellen, weil er es auch für die ganze römische Kirche, ja sogar "die Kirchen" diagnostiziert. Diese sollten, so der Tonsetzer, endlich einmal Sakralmusik bei zeitgenössischen Spitzenkomponisten in Auftrag geben. Mit seiner Intervention hat Stockhausen auf ein fundamentales Problem aufmerksam gemacht: die Entfremdung von Kirche und Kunstmusik. Seit der Entflechtung von geistlicher und weltlicher Obrigkeit ist die Kirche als Auftraggeber neuer Kompositionen praktisch ausgefallen. In Mitteleuropa bedeutete die Säkularisation das Ende einer regulären Produktion von künstlerisch hochwertiger Kirchenmusik - bedeutende Ausnahmen bestätigen die Regel. Ganz gewiß hat diese historische Entwicklung die Autonomisierung der Künste stark befördert; im Bereich der Musik führte sie im zwanzigsten Jahrhundert zu kompositorischen Formen der Abstraktion, die Ratzinger in seinem Buch "Der Geist der Liturgie" zum Vorwurf veranlaßten, die Neue Musik habe sich in ein elitäres Getto begeben. Sie ist aber allem Anschein nach auf dem Wege, sich daraus allmählich selbst zu befreien. Unterstützt wird eine solche Entwicklung durch Initiativen wie die von Don Luigi Garbini. Der katholische Priester hat in Mailand das "Laboratorium für zeitgenössische Musik im Dienste der Liturgie" gegründet. Es ermuntert Komponisten, sich den Herausforderungen geistlicher Musik zu stellen. Auch Stockhausen kniff nicht, sondern lieferte für den Mailänder Dom den ersten Teil seines neuen "Klang"Zyklus. Das Teilwerk heißt "Erste Stunde" und ist für Orgel und Sänger geschrieben. Nach getaner Arbeit macht er nun der Kirche Dampf. Man sollte seine Anregungen aufgreifen. Denn seit sich die Kirche aus der aktiven Gestaltung der Musikgeschichte zurückgezogen hat, hat auch die Liturgie als Raum ästhetischer Erfahrung vielfach ausgedient. Zwischen Mozart-Messe und Sakropop gähnt ein Loch. Daß sich Religiosität oft die merkwürdigsten Ventile sucht, mag durchaus auch damit zu tun haben. Wenn nun der Ober-Esoteriker unter den Tonsetzern einen Schritt auf die Kirche zu macht, sollte die ihre Chance wittern. Vom "Sonntag aus Licht" zum "Licht der Welt" wäre ein denkbarer Schritt. Stockhausens "Engel-Prozessionen" könnten durchs Hauptportal geleitet werden. miga

Text: F.A.Z., 10.05.2005, Nr. 107 / Seite 37

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche