Glosse

Gib mich die Kirche

20. Dezember 2006 Es gibt keine Fußballzwerge mehr, das pfeifen seit Jahren die Spatzen von den Dächern den deutschen Adlern zu. Und gerade Weihnachten erinnert uns daran, daß auch auf kleinstem Raum große, wundersame Dinge möglich sind. In Bethlehem hat Gott ja gleichsam die ganze Welt auf einem Bierdeckel ausgetanzt. So folgt es nur der Logik der Heilsgeschichte, wenn nun der kleinste Staat der Welt im Advent beschließt, zur Fußball-Großmacht aufzusteigen.

Kurienkardinal Tarcisio Bertone, „Nummer zwei im Kirchenstaat“ (dpa) und bekennender „Juve“-Anhänger, hat angekündigt, dereinst eine Mannschaft zu stellen, „die auf der Höhe von Rom, Inter Mailand und Genua“ ist. Und dazu will sich der Vatikan nicht einmal der ihm zu Gebote stehenden wettbewerbsverzerrenden Mittel bedienen - mit der Schweizer- Garde etwa bei der kommenden EM den Heimvorteil abgreifen, vor dem Petersdom die älteste Fanmeile der Welt aktivieren, als Joker die Hand Gottes einwechseln oder die Grätsche zum Heiligen Blut herausholen.

Elf Apostel und ein Bestechungsskandal

Nein, man will schlicht das in päpstlichen Hochschulen und Priesterseminaren schlummernde Potential abrufen. Brasilianische Theologiestudenten also. Afrikanische Fußballmissionare. Als Trainer sollte man allerdings weniger auf Fußball-Reformatoren wie Klinsmann oder Klopp, sondern auf bewährte Kräfte wie Jörg, ach was, Klaus Berger setzen: heute Viererkette, morgen Rosenkranz, da an Gott praktisch-theologisch ohnehin keiner vorbeikommt, wenn nur alle ihre jahrhundertealten Positionen halten.

Das Mittelfeld ist für die Lauen - „Eure Rede sei Ja ja, nein nein!“ -, und vorne, wo einst Helmut Rahn („Gib mich die Kirsche!“) nach dem Ball gierte, hilft morgen der Heilige Teamgeist. Und falls mal Abstiegsgefahr droht - einen Retter hat man ja schon. Doch was auf den ersten Blick fairplaypokalreif aussieht, hat einen antichristlichen Pferdefuß: Schließlich verfügt die Kirche über das größte Talentsichtungssystem der Welt; und was soll die Scouts davon abhalten, die kleinen Ronaldinhos und Eto'os künftig zur „Priesterausbildung“ nach Rom zu schicken?

Benedikt XVI., der „Beckenbauer der Kirche

Das Wort „Berufung“ bekäme dann seine ursprüngliche Bedeutung zurück; denn schon Jesus hat ja nicht zufällig genau elf Apostel in seinen Kader gebeten. (Okay, Judas gehörte zunächst auch dazu, wurde aber dann in einen Bestechungsskandal verwickelt.) Der Kardinal weiß, daß man die Fifa nur durch Mittun als Rivalen ausschalten kann.

Sehr bewußt wird er seinerzeit Benedikt XVI. als „Beckenbauer der Kirche“ begrüßt haben. Wir erinnern uns: Beckenbauer sah für die deutsche Nationalmannschaft nach der Wiedervereinigung weit und breit keinen ernsthaften Gegner mehr. Spätestens nach dem Jüngsten Gericht wird der Vatikan „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein.



Text: F.A.Z., 20.12.2006, Nr. 296 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa

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