Glosse Feuilleton

Kirchensterben

11. Juli 2005 Der berühmte Architekt Rudolf Schwarz war ein sehr frommer Katholik. Als er 1947 die zerstörte Frankfurter Paulskirche als Feierstätte des deutschen Parlamentarismus wieder aufbaute, sprach er von "mönchischer Strenge", die er dem neuen Innenraum geben wolle, worin "kein unwahres Wort möglich sein" sollte. Das gelang ihm bewundernswürdig. Auch seine folgenden Kirchen und öffentlichen Bauten waren von diesem Geist geprägt. Niemand hätte damals gedacht, daß einer dieser Bauten einmal einem Supermarkt weichen würde. Genau dies ist vor fünf Tagen geschehen: Die letzte von Schwarz gebaute Kirche, St.Raphael in Berlin, geweiht 1965, ist abgerissen worden (F.A.Z. vom 9.Juli). Die öffentliche Reaktion darauf war eher verhalten. Welch ein Wandel: Noch in den siebziger Jahren war es allgemeiner Konsens, daß derartige Barbareien nur in Ländern des Ostblocks vorkamen, wo von Rußland bis Brandenburg Gotteshäuser zu Turnhallen oder Tanzsälen umgewidmet oder dem Verfall preisgegeben wurden, wenn man sie nicht sofort abriß. In abgeschwächter Form galt unser Dünkel auch dem profithörigen Amerika, dessen St.Patrick's Cathedral, die in New York als Zwerg zwischen Bataillonen von Bürotürmen kauert, wir gerne belächelten. So übersah man die ersten Anzeichen dafür, daß auch hierzulande das Blatt sich wenden könnte. 1982 zum Beispiel, als in Ofterdingen - eigentlich bekannt als Namengeber für den Gründungsroman der deutschen Romantik aus der Feder von Novalis - eine kleine Kirche an ein Ehepaar verkauft wurde, das sich daraus ein gemütliches Heim schuf. Das Kaufangebot eines Bordellbetreibers wurde damals empört ausgeschlagen. Heute wäre man womöglich nicht mehr so skrupulös: Wen beunruhigt es noch, daß im brandenburgischen Milow eine Sparkasse in der einstigen evangelischen Kirche eröffnet wurde und in Willingen in Hessen eine Kneipe? Einzelfälle, heißt es noch immer, doch sie sind längst keine mehr: Die Diözese Essen beispielsweise erklärt, daß für 110 ihrer 350 Kirchen die Zukunft ungewiß sei, und die Neuapostolische Kirche Süddeutschlands hat seit 2001 sechzig Kirchen und Kapellen verkauft. Überall in Deutschland sind Kirchen zu Ballast für die Kirche geworden. Daß damit vielen der Abriß droht, beschweigen die Oberen beider Hauptkonfessionen vorläufig noch. Nur in Frankfurt, wo die citynahe evangelische St. Matthäus-Kirche auf Abbruch verkauft werden soll, macht man in gewohnt purem Pragmatismus kein Hehl daraus. Die Gründe für diesen Ausverkauf sind allgemein bekannt: Die Kirchenkassen schrumpfen wie die Zahl der Mitglieder, das Zusammenlegen von Gemeinden ist vielerorts bereits im Gange, Leerstand damit unumgänglich. Die Gleichgültigkeit wiederum, mit der die Öffentlichkeit reagiert, ist erschreckend, aber verständlich. Man hat andere, wichtigere Sorgen - um den Arbeitsplatz, die Altersversorgung, die eigenen monatlichen Ausgaben. Härte ist gefragt, nur noch der Tag zählt. Egal, ob es um entlassene Kollegen oder um die Auflösung für lebenslang gehaltener Liebesbeziehungen geht: Der Raum, in dem nur wahre Worte möglich sein sollten, wird gar nicht mehr vermißt, und als letzte Wahrheit, durch den Abriß beglaubigt, bleibt das grausig umgemünzte Christuswort "Laßt die Toten ihre Toten begraben". bat.

Text: F.A.Z., 12.07.2005, Nr. 159 / Seite 33

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche