26. Juni 2006 Halbstarker, Einzelgänger, offenbar schlimme Kindheit gehabt, gewalttätig, Migrationshintergrund, jede Menge Verstöße gegen das Schengener Abkommen, kein Vegetarier, Verdacht auf Verhaltensstörung. Da ist einiges zusammengekommen. Gewiß, "es wäre besser gewesen, er hätte sich vernünftig verhalten und eingegliedert", wie der Sprecher des Bundesamtes für Naturschutzbehauptungen meinte. Und wer mich, sagt Kant, schon dadurch "lädirt", daß er mich, "obgleich nicht thätig (facto), doch durch die Gesetzlosigkeit seines Zustandes (statu inusto)" beständig bedroht, darf nach der Königsberger polizeylichen Eingliederungs- und Vernunftrechtsordnung durchaus genötigt werden, entweder sich gesetzlich zu verhalten "oder aus meiner Nachbarschaft zu weichen". Es waren also durchaus - so Günther Jakobs in: Gedächtnisschrift Prof. Fu-Tseng-Hung, hrsg. von Yu-hsiu Hsu, Taipeh 2003 - Bekämpfungsnormen auf ihn, der er mehr gefährliches Individuum denn kompetente Person und Mitbär von geringem Verstand war, anzuwenden. (Merke: Es gibt Schlimmeres als geringen Verstand.) Die Gefahr zu Gast bei Menschen, ist in solchen naturzustandsnahen Fällen tatsächlich kein gutes Motto. Das aber heißt, weil ja auch das Feindstrafrecht ein Recht ist und keineswegs eine Lizenz zum Drauflosjagen, allenfalls Hinauswurf (Abschiebung ins sichere Drittland, hier: Italien) oder Hineinwurf (Sicherungsverwahrung), jedoch nicht Hineinschuß. Entsprechend will es jetzt auch keiner gewesen sein. "Ich war es nicht", hebt der Leiter der ortszuständigen Miesbacher Dienststelle die Hände. "Wir beschäftigen keine Jäger", teilt das Landratsamt mit. Wozu brauchte ein forstreformierter liberaler Rechtsstaat wie der bayerische auch Jäger? Den Bärendienst kann man doch der Zivilgesellschaft und dem Ehrenamt überlassen. In der Tat, Bruno war ein "Risikobürger", was einerseits, das wissen wir von Ulrich Beck (Schwabing), im Freilaufgehege der Moderne etwas ganz Normales ist, anderseits schon noch etwas Problematischeres als nur ein gemeiner "Schadbürger" oder der bloße "Fluchtbürger". Trotzdem sagen wir, ganz im Sinne des bayerischen Koordinators für Großtiere, Herrn Wölfl, "es gibt den unauffälligen Bürger, das ist der Bürger, den wir wollen". Indes, da hat hinwiederum der österreichische Anwalt Gutleb natürlich recht, "brave Bären kommen nicht nach Bayern oder Tirol", denn das ist genau wie bei den braven Bürgern, die bleiben schön zu Hause, meiden Grenzübertritte, randalieren schon gleich gar nicht in Wäldern und reißen "vielleicht ein, zwei Schafe im Jahr" (E. Stoiber), aber nicht mehr. kau
Text: F.A.Z., 27.06.2006, Nr. 146 / Seite 41
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