Glosse Feuilleton

Mosebach-Mäklerin

28. September 2007 Hat die deutsche Literatur ein Unglück ereilt? Oder sogar zwei? Oder drei? In der jüngsten Ausgabe des Magazins "Literaturen" fragt die Kritikerin Sigrid Löffler, warum Martin Mosebach der Büchner-Preis zugesprochen wurde. Bevor sie eine Antwort gibt, beschreibt sie die Folgen dieser Entscheidung: Seit der Bekanntgabe im Juni (erstes Unglück) herrsche im deutschen Feuilleton die "possierlichste Begriffsverwirrung". Anders als in manchem Vorjahr hat nämlich die Entscheidung für Mosebach ganz überwiegend Zustimmung hervorgerufen (zweites Unglück). Erst Monate später, so Frau Löffler, seien die "Mosebach-Mäkler" auf den Plan getreten - viel zu spät also und in der Tat "sonderbar kleinlaut und defensiv" (drittes Unglück). Mit Unbehagen stellt die Kritikerin fest, dass es kaum noch möglich sei, einige der Bezeichnungen, mit denen Mosebach versehen wurde, ins "Diffamierende zurückzudrehen", und mit Unbehagen liest man, dass Sigrid Löffler beklagt, dass "einstige Verunglimpfungsmarken", Begriffe also wie Anarch, Reaktionär, Kulturpessimist, Anti-Modernist oder vorkonziliarer Katholik, nicht mehr genügen, um den Stab über jeden zu brechen, dem sie angeheftet werden. Weil sie glaubt, Mosebach erhalte den Preis nicht für das Werk, sondern für seine "Gesinnung", kritisiert Sigrid Löffler vor allem Mosebachs vermeintliche Gesinnung und kaum sein literarisches Werk, das intelligent, humorvoll, ironisch, glanzvoll verschroben und manches andere mehr ist, aber natürlich auch Schwächen hat. So dürfte ihr Vorwurf, der Traditionalist Mosebach lasse offen erkennen, dass er sich trotz stets frisch gebügelten Einstecktüchleins im Jackett in seinem Jahrhundert nicht immer ganz wohl fühle, den Schriftsteller vermutlich weit weniger treffen als etwa Tilman Krauses leidenschaftliche Versuche, Mosebach für seinen Berliner Laubenpieper-Klassizismus zu vereinnahmen. Dichter können sich ihre Gegner und Anhänger ebensowenig aussuchen wie ihre Leser und Kritiker. Ein Unglück ist das nicht. igl

Text: F.A.Z., 29.09.2007, Nr. 227 / Seite 33

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