03. Oktober 2006 Stille liegt über Stockholm. Kein Laut dringt aus der Akademie. Am morgigen Donnerstag, so hatte die literarische Welt erwartet, würden sich mittags die Türen öffnen und der Name des neuen Literaturnobelpreisträgers wäre erklungen und bis in den entferntesten Winkel der Welt getragen worden. Aber nichts passiert. Stockholm schweigt noch eine Woche. Aber jetzt, plötzlich, leises Donnergrollen, nein, es sind Trommeln, die da erklingen, sie dringen aus dem fernen Frankfurt herüber, wo gerade zum zweiten Mal der Deutsche Buchpreis vergeben wird, eine im Vorjahr gegründete Einrichtung zur Förderung der Absatzzahlen des Buchhandels sowie des Ansehens des deutschen Romans im In- und Ausland. Beide Ziele, erklären jetzt alle Beteiligten, seien bereits erreicht worden. Trommelwirbel. Im Grunde sei man bereits auf Augenhöhe mit den großen Vorbildern, dem Prix Goncourt und dem Man Booker Prize. Anschwellender Trommelwirbel. Und jetzt, tosender Trommelwirbel, der neue Preisträger! Aber Moment, halten wir für eine Sekunde die Trommelstöcke still. Worauf gründet sich eigentlich der schöne Optimismus? Offenbar allein darauf, daß der Roman des Preisträgers des Vorjahres, Arno Geigers österreichisches Familienepos "Es geht uns gut", ein Verkaufserfolg wurde, daß erfreulich viele Übersetzungen des Buches in Arbeit sind und daß der Deutsche Buchpreis in einer englischen Zeitung lobend erwähnt wurde. Derlei Erfolge sind leicht verspielt, und der Buchpreis ist auf dem besten Wege dazu. Denn die diesjährige Entscheidung der Jury ist nur bizarr zu nennen. Katharina Hacker versucht sich in ihrem Roman "Die Habenichtse" am Porträt einer seltsam entleerten, desorientierten Gruppe von Dreißig- bis Vierzigjährigen, es geht also um ein Generationenporträt. Als wäre das nicht Aufgabe genug, schnürt sie sich noch ein dickes Problembündel. Hineinkommt, was betroffen macht: der 11. September, Kindesmißhandlung, Drogenmißbrauch, Holocaust. Muß der neue Chef eines latent homosexuellen, unglücklich verheirateten jungen Rechtsanwaltes, der die attrakive Stelle in London nur bekommt, weil ein guter Freund im World Trade Center ums Leben kam, wirklich unbedingt ein homosexueller, von den Nazis vertriebener Jude sein, wenn die Frau dieses Rechtsanwalts gleichzeitig den offensichtlichen Kindesmißbrauch im Nachbarhaus ignoriert und stattdessen überlegt, eine Affäre mit einem Dealer anzufangen? Dieses Buch ähnelt einem Kleintransporter, der sein zulässiges Gesamtgewicht überschritten hat: es schlingert unter der Last, die ihm aufgebürdet wurde. In den Kurven wird's gefährlich, vor allem, wenn sprachliche Mängel hinzukommen. Wie präsentiert uns Katharina Hacker ihre Figuren? In der Regel so: "Da war Isabelle." Oder so: "Und da war Isabelle." "Und dann war da Mae." "Hier war Ben." "Da hockte Dave." Nein, Ben hin, Mae her, hier stimmt was nicht. Das soll der beste deutschsprachige Roman des Jahres 2006 sein? Zum Glück ist er es nicht. Abschwellender Trommelwirbel, Schweigen in Stockholm. igl
Text: F.A.Z., 04.10.2006, Nr. 230 / Seite 39
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