Vor dem Weltjugendtag

Seinen Segen habt ihr

Päpstliche Segnung

Päpstliche Segnung

11. August 2005 Als er in der Zeitung die Formulierung „das geniale Rennpferd“ las, beschloß Ulrich, der philosophischen wie überhaupt jeder geistigen Anstrengung zu entsagen, ein bedeutendes Wesen zu werden. Das Pferd war ihm zuvorgekommen und hatte es ohne Geist geschafft. So beginnt Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“.

Gestern haben wir im Fernsehen einen Kardinal gesehen, der in Köln ein Pressezentrum segnete. Zum Äußersten, der Formulierung nämlich „das gesegnete Pressezentrum“, kam es aber noch nicht. Insofern muß niemand, der hofft, auf seinem Haus liege Segen, jetzt sofort enttäuscht zurücksinken, weil ihm das Pressezentrum zuvorgekommen ist.

„Verflucht!“ - die Geldbörse geklaut

Außerdem unterliegt Segen ja nicht der Summenkonstanz. Immerhin kennen wir nicht nur den Haus-, sondern auch den Erntesegen, in Olney, Illinois, werden einmal im Jahr die Weißen Eichhörnchen gesegnet, und sogar von gesegneten Kanonen hat man schon gehört. Mithin ist uns eine gewisse Variationsbreite segnungsfähiger Gegenstände bekannt. Vor ein paar Wochen lasen wir die Überschrift „Feierliche Segnung und Kommandoübergabe der Heeresmunitionsanstalt in Kalsdorf bei Graz“.

Im Grunde kann also alles gesegnet werden, für das nicht zwingend geboten ist, es zu verfluchen, was das Gegenteil wäre, aber zumindest vor Kameras und durch Kardinäle und Bischöfe nicht mehr so häufig geschieht. Und weil während eines Papstbesuches überhaupt möglichst wenig geflucht werden soll, hat sich das Kölner Jugendamt eine segensreiche Maßnahme ausgedacht. Denn worüber flucht selbst der spirituelle Tourist am heftigsten? Genau, wenn ihm - „verflucht!“ - die Geldbörse aus der Tasche gezogen worden ist. Die entsprechenden Berufsgruppen, hört man, reisen zum Weltjugendtag eigens an. Also begegnet das Jugendamt zumindest den einheimischen negativen Kräften während des Papstbesuches mit einem speziellen Programm.

Gesegnete Sendezeit

Amtsbekannte Kinder, die der Tätigkeit des Taschendiebstahls nachgehen, wurden in ihren Familien aufgesucht, um ihnen für die Dauer des katholischen Massenfests die Teilnahme an einer Freizeit abseits des zur Sünde verführenden Gedrängels anzubieten. Wie die Stadt Köln auf Nachfrage mitteilt, stößt das Angebot auf erfreuliche Resonanz. Theologisch mag man zwar einwenden, daß das Jugendamt diese Kindlein jedenfalls zu seinem Stellvertreter nicht kommen läßt und ihnen wehrt (Mt 19,14).

Doch vom Gesichtspunkt des pressesegnenden Kardinals aus wäre das ganz sinnwidrig. Denn der erklärte, 6557 Medienvertreter seien „eine gute Zahl“, schließlich sei sie noch größer als die der Anwesenden bei der Brotvermehrung am See Genezareth. Das kann nur heißen: Nicht als Zeugen einer nichtverwunderlichen allgemeinen Geschäftstätigkeit, eines gemischten Segens also, sondern als Zeugen eines einwandfreien Wunders sind die an geweihter Stätte wirkenden Medien geladen. Gesegnete Sendezeit.

Text: kau. / F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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