Von Gina Thomas
29. April 2008 Gesteigert durch Film und Roman, hat das Old Bailey nahezu mythischen Ruhm erlangt. Einige der berühmtesten Prozesse der britischen Rechtsgeschichte sind in dem zentralen Strafgericht nahe der Londoner Paulskathedrale abgewickelt worden. Dort befanden die Geschworenen Oscar Wilde im Mai 1895 der Verletzung der Sittlichkeit für schuldig, dort fiel das Todesurteil gegen den Arzt Dr. Crippen, der seine Ehefrau ermordet hatte und mit der als Mann verkleideten Geliebten geflüchtet war, und dort wurde 1913 die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst wegen Anstiftung zu Straftaten zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Zurzeit wird dort mehreren terrorverdächtigten Muslimen der Prozess gemacht. In früheren Jahrhunderten, als das Old Bailey sich lediglich mit Londoner Verbrechen beschäftigte und Kleinkriminelle wegen Vergehen, die die Polizei heute kaum noch zur Kenntnis nehmen würde, vor der Richterbank landeten, war hier das ganze Elend der Menschheit zu sehen. Die ursprünglich zur Unterhaltung der Öffentlichkeit veröffentlichten Protokolle von mehr als hunderttausend Verfahren aus den Jahren von 1674 bis 1913 sind jetzt kostenlos im Internet zugänglich gemacht worden (www.oldbaileyonline.org).
Schauplatz der Netzöffentlichkeit
Das Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Sheffield, Hertfordshire und der Open University gewährt Schulen, Ahnenforschern und Freizeithistorikern einen einmaligen Einblick in die Alltagsgeschichte. Eine Suchmaschine erlaubt Nachkommen, jenen schwarzen Schafen unter ihren Vorfahren nachzuforschen, die mit dem Gesetz aneinandergeraten sind, wie die Sträflinge, die in die Kolonien deportiert wurden. Am ersten Tag war die Website derart überlastet, dass sie zeitweilig ausfiel.
Bei dem zur Verfügung gestellten Material handelt es sich um Protokolle, die zur Unterhaltung der breiten Öffentlichkeit vom siebzehnten Jahrhundert an regelmäßig publiziert wurden. Nachdem stenographierte Mitschriften der Verfahren zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gesetzlich vorgeschrieben wurden und die Zeitungen ausführlich über Gerichtsdramen berichteten, erwiesen sich diese Protokolle als unrentabel und wurden 1913 eingestellt. In Eine Geschichte aus zwei Städten erzählt Dickens, wie die Leute zahlen, um das Schauspiel am Old Bailey zu sehen, deswegen waren alle Türen gut bewacht - außer, gewiss, den sozialen Türen, durch die die Kriminellen dorthin kamen; diese blieben stets weit offen. Nun kann alle Welt dem historischen Drama gebührenfrei beiwohnen.
Text: F.A.Z.
