Zu Ehren Ana Frank

Mir zur Ehre

Von Paul Ingendaay

25. Juni 2008 Der innere Kampf sieht ungefähr so aus: Einerseits wäre es fatal, Tageszeitungen drei Jahre lang aufzubewahren, weil die Stapel brüchigen Papiers einen erdrücken würden, von außen und innen. Andererseits will man sich an alte Nachrichten erinnern, um ein Gefühl für die verstreichende Zeit zu bewahren. Gerade zum Beispiel, nach einem Gang zum Altpapiercontainer, denken wir wieder an die vielen Sachen, die auf diesen Seiten keine Rolle gespielt haben.

Das riesige Antlitz der argentinischen Staatspräsidentin Cristina Kirchner, das wütende Sojabauern wegen der Erhöhung der Exportsteuer in ihre Felder gesetzt haben, damit es die Helikopter der Fernsehsender filmen können. Der neue biologisch abbaubare Kaugummi, den die Mexikaner in ihrem Urwald gewinnen. Die Sandalen des paraguayischen Präsidenten Lugo, der offen eingestand: „Meine Füße schwitzen sehr stark. Deswegen trage ich immer Sandalen.“ Ist am Ende nicht alles Abbild, Image, Logo, Symbol?

Gedenkname Ana

Als wir gerade noch einmal die Sandalen in die Suchmaschine eingaben, kamen oben in der Ecke venezolanische Kontaktanzeigen. Zwei Klicks, und wir waren auf der Seite von Luzdary, sechsundzwanzig Jahre alt, sehr attraktiv, die einen Mann sucht. „The truth“, schreibt sie über sich selbst, „I am a little reserved I like to chat I am sincere kind and very intellectual.“ Wem die fehlenden Kommata nicht das Herz brechen, der sieht weiter unten, dass Luzdarys Traummann achtzehn bis achtzig Jahre alt sein darf. Ach, Luzdary! Wahrscheinlich wäre Portugal auch ins Halbfinale vorgestoßen, wenn Cristiano Ronaldo nicht diesen Ohrknopf trüge.

Auch über die Nachricht, in Madrid werde ein Ableger der Anne-Frank-Kastanie in die Erde gesetzt, haben wir lange nachgedacht. Die Botschaft kam in einer fetten Mail mit vier Anhängen. Dann sahen wir Bilder, wie ein paar Würdenträger in einem Park von Madrid das Pflänzchen in die Erde tun. Genau so eins hatten sie vor Jahren auch schon im holländischen Fernsehen, als man erfuhr, der arme Baum sei pilzkrank. Aber es ging in Madrid nicht um Anne Frank. Es ging darum, sich beim Anne-Frank-Gedenken wohl zu fühlen. Madrid hat neulich ja auch das erste Anne-Frank-Musical auf die Bretter gebracht. Und Madrid hat gerade Anne Franks neunundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Und der Madrider Journalistenverband hat das wehrlose Mädchen zum postumen Ehrenmitglied ernannt und ihr einen Ausweis ausgestellt. Hier heißt sie übrigens „Ana“, nicht Anne. Deshalb heißt der Platz, der ihr gewidmet wird, „Plaza Ana Frank“. Ein paar Jahre weiter, und die Leute werden glauben, sie sei Venezolanerin gewesen.



Text: F.A.Z.

 
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