Von Regina Mönch
22. Dezember 2007 Fast jeder zweite junge Muslim, für eine Studie befragt, die das Innenministerium in Auftrag gab, stimmt der Auffassung zu, dass Gotteskrieger ins Paradies kommen. Etwa zwölf Prozent halten westliche Gesellschaften für verdorben, befürworten Scharia-Strafen. Vierzig Prozent sollen fundamentalistisch orientiert sein. Jeder vierte gab an, selbst gegen Ungläubige antreten zu wollen, wenn es nur der islamischen Gemeinschaft diene. Damit steht er zwar nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes, aber im Einklang mit einem streng ausgelegten Koran.
Doch gerade diesen Schluss sollen wir, die vielleicht verschreckte Öffentlichkeit, nicht ziehen. Der Islam sei, melden sich sogleich die einschlägigen Islam-Funktionäre zu Wort, eine ganz und gar friedliche Religion; wer dem widerspricht, leidet bekanntlich nur an Islamophobie. Die Islam-Funktionäre mahnen routiniert den behutsamen und nicht einseitigen Dialog an. Und sie berufen sich auf die Einschätzung der Sozialforscher aus Hamburg, wonach die Deutschen auch nicht ganz ohne sind: Demokratiefeindlichkeit sei in etwa gleich verteilt unter Muslimen und Nichtmuslimen.
Rituale der Relativierung
Nur in der Reaktion auf derlei Befunde, wäre hier anzumerken, unterscheidet sich die Mehrheitsgesellschaft von der muslimischen. Denn radikale, extremistische Rechte sind gesellschaftlich geächtet, niemand käme auf die Idee, ihre gefährliche Ideologie verstehen und bemänteln zu wollen, etwa als Reaktion auf gefühlte Ausgrenzung oder gescheiterte Schulkarrieren. Seit die Schäuble-Studie in der Welt ist, werden die üblichen Rituale der Relativierung abgespult. Deutschlernen, verlangen die einen und überhören, dass in Koranschulen und Moscheen längst auch auf Deutsch antiwestliche, also antifreiheitliche Glaubenssätze verkündet werden.
Eine Befragung, die 1998, 2000 und 2005 Zehntausende von Schülern erfasste, war zu deutlicheren Ergebnissen gelangt, eine öffentliche Debatte blieb aus. Die Schüler-Studie versuchte neben der Bildungsmisere junger Migranten endlich auch den Einfluss der Familie und archaischer Erziehungsstile zu interpretieren. Denn Kinder und Jugendliche, die überdurchschnittlich schwer und oft im Elternhaus verprügelt werden, tauchen auch am häufigsten in der Gewalttäterstatistik auf. Sie stammen überdurchschnittlich oft aus muslimischen, vor allem türkischen Familien, verherrlichen Männlichkeitsideale und verachten die Deutschen. Wenn dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, ist nicht nur der soziale Frieden bedroht.
Text: F.A.Z., 22.12.2007, Nr. 298 / Seite 33
Bildmaterial: dpa