19. Oktober 2003 Die Ostdeutschen und ihre Existenz in der DDR waren in den letzten Monaten das Thema von zwei Kulturereignissen, die auf denkbar gegensätzliche Weise aufgenommen wurden. Die "Ostalgie"-Shows, mit denen mehrere Fernsehsender, private wie öffentlich-rechtliche, den Erfolg des Kinofilms "Good bye, Lenin" zu verstetigen suchten, wurden allgemein kritisiert: Wegen ihrer frivolen Ausblendung der politischen Wirklichkeit, welche die wehmütig-lustigen Erinnerungen an Marken und Unterhaltungsgrößen einfaßte. Die große Ausstellung "Kunst in der DDR" in der Berliner Neuen Nationalgalerie dagegen, die diese Woche zu Ende geht, war auch bei der Kritik erfolgreich. Bei einer resümierenden Diskussion der Heinrich-Böll-Stiftung hatte jetzt zwar jeder der geladenen Künstler, Kritiker und Historiker irgend etwas anderes zu bemängeln, aber alle kamen darin überein, den entschieden ästhetischen Zugriff zu loben, mit dem Penck, Heisig, Maetzke und die anderen endlich als Künstler eigenen Rechts wahrgenommen werden, statt sie - wie noch im ost-westdeutschen Bilderstreit - in Geiselhaft für das System zu nehmen, in dem sie wirkten. Selbst die von der DDR in Unfrieden geschiedene, also wahrhaft unverdächtige Malerin Cornelia Schleime pries die wohltuende Abwesenheit von Didaktik in dieser Schau. Es wurde, mit anderen Worten, im Fall der Kunst eben- jene politische Dekontextualisierung gefeiert, die den Ostalgie-Shows zum Vorwurf gemacht wurde. Gewiß kann man sagen, das ernsthafte Ringen der Maler um persönlichen Ausdruck lasse sich nicht vergleichen mit den Produkten einer planen Konsum- und Unterhaltungsindustrie. Doch in soziologischer Perspektive verschwimmen die Unterschiede: Instrumentalisiert werden kann, wie man weiß, beides, wie auch umgekehrt beides als Identifikationsobjekt und Haltepunkt für gänzlich unideologische Zeitgenossen taugen kann. Hat also nach der Ausstellung in der Nationalgalerie nicht auch die Existenz der normalen DDR-Bürger das Recht, als politisch dekontextualisierte, als rein ästhetische oder konsumistische wahrgenommen zu werden? Die Frage hatte eigentlich schon die erste Ostalgie-Welle Anfang der neunziger Jahre gestellt, die im Unterschied zur zweiten tatsächlich ironisch gebrochen war und von den Ostdeutschen selbst ausging. Heute hat die Frage nach dem - vielleicht sogar bleibenden Wert einer politisch dekontextualisierten "Ostkultur", die die Heinrich-Böll-Stiftung und viele andere West-Institutionen auf der Suche nach den verborgenen Ressourcen dieses in der DDR aufgewachsenen Menschenschlags aufwerfen, einen eigenartigen Beigeschmack. Denn sie wird in einem Moment gestellt, da die Ostdeutschen in Scharen ihr Land verlassen, weil sie dort keine Arbeit finden. Manche Prognosen lassen vermuten, daß 2050 nur noch acht Millionen Menschen das Territorium der DDR bevölkern werden. Steckt hinter der Rede von der Ostkultur also vielleicht etwas ganz vertrackt Dialektisches: Das Ostkulturelle als Erfahrung des Schrumpfens? Oder soll sie einfach nur diesen ratlos machenden Vorgang der Massenabwanderung verschleiern und kompensieren? Von Ostkultur läßt sich trefflich schwärmen, wenn es Ostdeutsche in Ostdeutschland bald kaum mehr geben wird.
Si.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2003, Nr. 243 / Seite 33
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