Lolitas spanische Freundin

Noch einmal zu Nabokov / Von Michael Maar

28. April 2004 Das sind die stillen Teiche der Philologen: Ab und zu wirft jemand einen Stein ins Wasser, die Oberfläche kräuselt sich, der Stein versinkt, und es wird wieder ruhig. Mit der Zeit sammeln sich immer mehr Steine auf dem Grund, und mit ihnen steigt langsam der Pegel der Forschung. Den jüngsten Stein des Anstoßes warf der Autor dieser Zeilen in den Teich. Was war passiert? Der Zufall hatte ihm eines der raren Exemplare eines 1916 erschienenen Buches in die Hand gespielt, das eine Novelle namens "Lolita" enthielt. Der Inhalt dieser Novelle widersprach diesem Titel nicht, sondern bestätigte ihn - wenn man so sagen und den Zeitpfeil ungebührlich umdrehen darf. Schon in der "Lolita" von 1916 ging es um tragische Nymphchenliebe, und bei dieser Übereinstimmung allein blieb es nicht.

Während die deutschsprachige Presse den Fund einhellig anerkannte, reagierten einige Vertreter der Nabokov-Gemeinde gereizt, wie etwa die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete (N.Z.Z. vom 21. April). Auch Dieter E. Zimmer wiederholte in der letzten Ausgabe der "Zeit" seine schon im Internet-Forum der Nabokovianer vorgetragenen Einwände. Dieser Beitrag verdient eine Antwort schon wegen Zimmers Verdiensten um die deutsche Nabokov-Edition im Rowohlt Verlag, die als vorbildlich gelten darf. Im Rankengeflecht seines Artikels immer auf das Argument zu stoßen fällt freilich nicht leicht. Unter anderem erzählt Zimmer die Geschichte von Nabokovs angeblicher Begegnung mit Franz Kafka in Berlin, eine Begegnung, die aber gar nicht stattgefunden habe. Davon abgesehen, daß Kafka in meinem Essay nicht vorkommt, fragt man sich, was damit bewiesen werden soll, außer daß Nabokov zu Gedächtnistrübungen oder zu Mystifikationen neigte.

Das Alter eines Mythos

Das Kernargument Zimmers läuft auf zweierlei hinaus. Erstens hält er es für unwahrscheinlich, daß Nabokov Heinz von Lichbergs "Lolita" gekannt habe; was sein gutes Recht ist, aber zum Richterspruch nicht taugt. Zweitens seien die Unterschiede zwischen Roman und Novelle größer, die Ähnlichkeiten damit geringer, als von mir dargestellt. Nun standen die offensichtlichen Unterschiede zwischen einem Meisterwerk der modernen Literatur und einer künstlerisch unbedeutenden Erzählung sowenig zur Debatte wie die Behauptung, daß Nabokov eine Vorlage abgepaust habe. Zur Debatte stand das Muster der Übereinstimmungen, die Dieter E. Zimmer jedoch "hergeholt" nennt. Denn Heinz von Lichbergs spanische Lolita sei gar kein Kind, auch kein dämonisches, und der Erzähler recht froh, sie wieder loszuwerden.

Der geradezu störrische Unwille, der frühen "Lolita" etwas anzumerken, was an die spätere erinnern kann, ist hier mit Händen zu greifen. Das Alter der Lichbergschen Lolita wird uns nicht angegeben, wir sind also an die Beschreibung des Icherzählers verwiesen. Lolita ist "blutjung nach unseren nordischen Begriffen", der Erzähler will "das Kind" in seine Arme nehmen, als ein "bettelndes Kind" erscheint ihm seine "kleine Lolita", und bei der Beschreibung ihres Totenbettes weisen allein die Verniedlichungsformen darauf hin, daß es eben keine Frau ist, sondern ein Kind, dessen "geliebter kleiner Leib" zu Grabe getragen werden muß: "Meine geliebte kleine Lolita lag in ihrem schmalen Bettchen mit weitaufgerissenen Augen." Nach Dieter E. Zimmer liegt in diesem Bettchen ein "sexualreifes Mädel zwischen 15 und 18".

Der Erzähler steht auch nach Lolitas Abschiedsgruß ganz in ihrem Bann. (Eine obszöne Variante dieses Grußes, eine blutgetränkte Blume, findet sich in der Szene von Humberts letztem Abend mit Lolita.) Als er von Lolitas Tod erfährt, kann er "nicht beschreiben, was auf diese Worte hin mit mir geschah, und wenn ich es könnte, würde es mir wie eine Entweihung sein, davon zu sprechen". Entweiht wird etwas Heiliges, und wie nahe das Heilige am Dämonischen liegt, wußte sogar ein Heinz von Lichberg. Warum sonst, wenn nicht wegen dieser Dämonie, flieht der Erzähler vor Lolitas bedrohlicher Liebe, warum brennt ihr Mal, der Biß in seine Hand, noch fünfundzwanzig Jahre später, und warum verschmilzt sie in der Traumszene mit der ermordeten Ur-Lola und femme fatale: "Es war gar nicht Lolita, es war Lola - oder war es doch Lolita?"

Aus Frankreich meldet sich der Pléiade-Editor Maurice Couturier zu Wort und nennt frühe französische Publikationen, die schon den Namen Lolitas enthalten haben, wie Isidore Gès' "En villégiature. Lolita" aus dem Jahr 1894. Diese Hinweise sind wertvoll, und sie bereichern die Vorgeschichte des Romans. Heinz von Lichberg hat den Namen sowenig erfunden wie Nabokov. Anders als die französischen Romanzen vereint Lichbergs Erzählung aber folgende Übereinstimmungen mit Nabokovs Roman.

Erstens: Es ist derselbe Name der Heldin und der identische Titel. Zweitens: Sie ist blutjung. Drittens: Sie ist die Tochter des Vermieters einer Pension am Meer (eines Sees), in der der Icherzähler Urlaub verbringen will. Viertens: Sie hat eine Affäre mit diesem Erzähler und verführt ihn. Fünftens: Sie ist wie das spätere Nymphchen eine Wiedergängerin, und wie in der späteren "Lolita" ist das Thema der Bann der Vergangenheit. Sechstens: Das Finale ist eine groteske, traumartige Mordszene. Siebtens: Nabokovs Lolita stirbt nach der Entbindung eines Mädchens, Lichbergs Lola wird nach der Geburt ihrer Tochter ermordet. Der Erzähler bleibt gebrochenen Herzens zurück, wurde aber von Lolita zum Dichter gemacht.

Klassische Plot-Elemente? Geschenkt. Es ist die Summe dieser Ähnlichkeiten, die ein Problem darstellt, eine Summe, über der "LOLITA" steht und die sich nicht per Verdikt wegwischen läßt. Wie soll man sie aber erklären? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, wenn überhaupt. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Autoren, unabhängig voneinander, darauf verfallen, einen in Liebeshändel mit einer dame sans merci verwickelten Mann mit graubärtigem Namensdoppelgänger auf den ungewöhnlichen Familiennamen "Walzer" zu taufen? Dem Laienauge scheint die Wahrscheinlichkeit kleiner als die, daß Nabokov irgendwann in seinen Berliner Jahren nach einem schmalen Bändchen greift, dessen Titel "Die verfluchte Gioconda" Enthüllungen über das Geheimnis der Mona Lisa zu versprechen scheint (die Gioconda der Titelerzählung ist nur eine Namensschwester, aber um das zu merken, hätte der Leonardo-Verehrer das Buch erst aufschlagen müssen).

Dem Laien ist in Fragen der Statistik freilich nicht zu trauen. Es passieren die kuriosesten Koinzidenzen, und ausschließen kann man also gar nichts - was ich darum auch ausdrücklich nicht getan habe, wie Zimmer es mir unterstellt. Nur kann der Kritiker den Zufall nicht gleichzeitig zum Riesen und zum zaghaften Zwerg erklären: einerseits unfähig, Nabokov in fünfzehn Jahren ein bestimmtes Buch aufschlagen zu lassen; andererseits dazu in der Lage, die erstaunlichsten Übereinstimmungen aus dem Ärmel zu schütteln. Eben weil man bei diesen Abwägungsfragen sichere Gewißheit nicht erlangen kann, gibt es auf dem Feld der literarischen Beziehungen auch selten einen harten Beweis. Solange sich nicht eine Tagebuchnotiz Nabokovs mit einem Lektürevermerk findet, läßt sich nicht mehr erreichen als Plausibilität. Die Welt wäre einfacher, wenn sie nur Phänomene erlaubte, die sich widerlegbaren Theorien anschmiegen. Leider kümmern sich nicht alle Phänomene darum.

Auch der Zufall tut es nicht, dem Zimmer stillschweigend alles aufbürdet. Ist es möglich, daß Nabokov die Erzählung zwar gelesen, aber dann wieder vergessen hat und daß Jahre später Fragmente von ihr aus den Oublietten des Gedächtnisses wieder hochgestiegen sind? Dafür könnte sprechen, daß er sein Nymphchen erst ganz spät in "Lolita" umbenennt, was bei diesem so auf Autarkie bedachten Autor eher nicht auf das Bewußtsein einer Übernahme zu deuten scheint. Karl Corino hat im "Rheinischen Merkur" auf das Beispiel Robert Musils verwiesen, dem bei der Wiederlektüre eines bestimmten Romans auffiel, daß er ihm, ohne daß es ihm bewußt gewesen war, das Vorbild für eine Szene im "Mann ohne Eigenschaften" geliefert hatte. Unbewußte Beeinflussung ("Kryptomnesie") ist nichts Exotisches in der Welt der Kunst (und mit "Tiefenpsychologie", wie Zimmer argwöhnt, hat sie überhaupt nichts zu tun).

Inspiration als Kränkung?

Nabokov selbst erklärte in einem Fernsehinterview, es sei das größte Glück beim Schreiben, wenn er das Gefühl habe: "How did it come to me? How did it exist in my mind before I thought of it?" Er meinte damit den Segen der Inspiration. Wer will ausschließen, daß dieser Segen wie der biblische Doppelsegen von oben kommen, aber auch aus den Tiefen des Gedächtnisses aufsteigen kann? Einige Nabokovianer scheinen in dieser möglichen Inspiration, bewußt oder unbewußt, eine Art Kränkung zu sehen. Dies beruht auf einem erstaunlichen Mißverständnis. Auch wenn Nabokov das Gefühl hatte, ein zu schreibender Roman sei in einer anderen Sphäre schon platonisch vorgeformt und er müsse ihn nur noch in die Wirklichkeit des Wortes überführen, sind ihm die Werke nicht adrett geschnürt im Weidenkörbchen zugeschwommen. Gerade bei ihm ist das Spiel der Verweise und Allusionen fast unerschöpflich. Alfred Appels Kommentar zur amerikanischen "Lolita" umfaßt 140 engbedruckte Seiten. Der Name Heinz von Lichberg taucht nicht darin auf.

Aber es gibt da eine Passage, die selbst die These von der Kryptomnesie leicht ins Schwanken geraten läßt. Humbert beobachtet Lolita im Kreis anderer Nymphchen beim Bade und erinnert sich im Rückblick, keine sei begehrenswerter gewesen als sie, mit seltenen Ausnahmen: "einmal der aussichtslose Fall eines blassen, spanischen Kindes, der Tochter eines Aristokraten mit wuchtiger Kinnlade". Warum führt Nabokov diese spanische Tochter eines Adligen ein (nicht die Tochter eines spanischen Adligen, wohlgemerkt), als die einzige, die mit Lolita konkurrieren kann?

Auf den folgenden Seiten taucht das "kleinere Nymphchen, ein durchscheinendes Herzchen", als Lolitas kleine spanische Freundin unauffällig wieder auf. Zum Abschied strahlt Humbert diesem "scheuen, dunkelhaarigen Mädchenpagen meiner Prinzessin" ein Lächeln zu. Wer lächelt hier wem zu - der pädophile Humbert einer entgangenen Chance oder sein Schöpfer dem kleineren spanischen Nymphchen des Aristokraten von Lichberg, das der wahren Prinzessin Pagendienste geleistet hat? Beziehungswahn? Wenn man das bei diesem Großfürsten der Rätsel eben immer nur wüßte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2004, Nr. 100 / Seite 33

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