24. Februar 2008 Da laufen sie wieder, profipedikürt und zurechtgezupft, lidgestrafft und brustgeschwellt, rundumbehängt und schnellgebräunt. Das Oscar-Wettrennen am Sonntag abend holt die Stars vom bestirnten Himmel über uns auf den roten Teppich vor uns. Wichtiger als die Verleihung der Filmpreise, wichtiger als die hehre Kunst sind dem großen Publikum inzwischen Habitus und Habit der Darsteller. Nur die gilt etwas, die das richtige Kleid in der richtigen Farbe zum richtigen Schmuck spazierenträgt, die, selbst wenn ihr zum Heulen und Zähneklappern zumute ist, die gebleichten Zähne zusammenbeißt, die im Blitzlichtgewitter nicht vom Blitz getroffen wird.
Im Sternchenhimmel ist bald kein Platz mehr. Die A-listers“, das Dutzend berühmtester Stars der Welt, bekommen Zuwachs durch astronomische Zahlen an B- und C-Prominenz. Für den Durchblick sorgen die Fachzeitschriften, die jeden Sternenhaufen samt biochemischer und psychophysischer Zusammensetzung durchleuchten. Der Zuschauer soll auch beim Lesen ganz nah dran sein an den unendlichen Weiten. Noch unter dem Niveau von Vanity Fair“ oder Bunte“ heißen die Magazine InTouch“, In – Das Star-Magazin“ oder neuerdings in Deutschland auch OK!“. Sogar die Marken, mit denen man sich schmückt, sind leicht zu konsumieren. Es sind vertraute Familiennamen: Gucci, Versace, Armani, Chanel, Dior.
Der weltumspannende Wahnsinn mit System
Da stehen sie also in hochtoupierter und hochaggregierter Form zusammen und spielen Öffentlichkeit: Stars, Modemacher, Stilberater, Schmuckvertreter, Taschenverkäufer, Düftespezialisten, Hautpflegefachkräfte, PR-Arbeiter, celebrity dressing manager“, Fotografen, Journalisten. Von der Arbeit am Mythos profitieren sie allesamt. Der Unterhaltungswert der Modespezialisten und Stilpolizisten tarnt nur die kommerziellen Interessen der Veranstaltung. Es ist symbolisch, dass die Mailänder Modewoche auf wenige Tage zusammengedampft wurde: Der große Tross an Redaktricen musste am Freitag nach Los Angeles, um dem roten Teppich als größtem Konkurrenten des guten alten Laufstegs noch mehr Farbe zu verleihen.
Der weltumspannende Wahnsinn hat System und nennt sich celebrity endorsement“. Als die Supermodels Ende der Neunziger ausstarben und blasse Osteuropäerinnen von Alyona bis Zuzana auf die Bühne traten, war die Stunde der Stars gekommen. Die Modemagazine nahmen nun Nicole Kidman und Brad Pitt auf den Titel. Die Werbewirtschaft schmückte sich mit Keira Knightley und George Clooney. Und die immer schlechter bezahlten Osteuropäerinnen grämen sich, weil das Blitzlicht den Paris Hiltons und Lindsay Lohans in der ersten Reihe gilt und nicht mehr den Mädchen auf dem Laufsteg, die nun auch von ihrer Figur her zum Verschwinden neigen. Nicht zuletzt profitieren die Prominenten von der Krise der Königshäuser. Des einen Legitimationsdefizit ist des anderen Lottogewinn: In den wenigen Stunden einer Werbeaufnahme kann man mehr verdienen als bei wochenlangen Dreharbeiten.
Mode von Madonna und Gwen Stefani, Düfte von Jennifer Lopez und Justin Timberlake, Jeans von Heidi Klum und Victoria Beckham – das Starsystem hat kosmische Dimensionen und totalitäre Züge. Von der Wiege bis zur Bahre wird jeder Schritt begleitet. Der Haarschnitt der zweijährigen Tochter von Tom Cruise ist ein Großthema wie der Tod des Jungstars Heath Ledger. Die Allgegenwart gibt dem Publikum, das andere Himmelszeichen nicht mehr lesen kann, Orientierung in metaphysischer Nacht: Wieder leuchten die Gestirne dem Menschen den Weg durch alles Irdische.
Die Öffentlichkeit verflüchtigt sich im Warenverkehr
Schade, dass Jürgen Habermas nicht am roten Teppich steht. Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit“ sind die gröbsten Phantasien über die Refeudalisierung der Öffentlichkeit“ wahr geworden, in der Publizität jene Aura eines persönlichen Prestiges und übernatürlicher Autorität nachahmt, die repräsentative Öffentlichkeit einmal verliehen hat“. Am Stargewese könnte der Soziologe nachweisen, wie sich die in Jahrhunderten mühsam erkämpfte Öffentlichkeit in der einst privaten und nun geradezu höfisch verklärten Sphäre des Warenverkehrs verflüchtigt. Wie Sportler unter Sponsorenlogos ersticken, so ist der Star mit Haut und Haar dem Markt verschrieben. Per celebrity placement“ greift die werbetreibende Starwirtschaft sogar ins Redaktionsumfeld ein. Die Stars freuen sich über grenzenlose Vermarktung, ihre Manager über die Kontaktkostendegression, die Redakteure über kostenfreie Prominenz im Blatt. Glanz gibt es heute schon ganz umsonst.
Am Wegesrand bleiben herabgefallene Schnuppen wie Britney Spears zurück. Sie zog zwar schon früh die Fotoverwerter an – ist aber nicht stark genug, ihnen standzuhalten. Wenn sie das alles übersteht, ist ihr der Weg zurück aus der Hölle in den Himmel vorgezeichnet. Denn zum System gehört es auch, dass die Kulissen zusammenbrechen und die Masken fallen. Erst die Freude am Demontieren bringt wieder die Lust auf den großen Glanz hervor. So etwas nennt sich nicht Selbstreflexion, sondern Verwertungskreislauf. Sogar der Wochenend-Schlabberlook ist oft von Stilberatern vorgegeben. Auch Kapuzenjacken sollen schließlich ihre Käufer finden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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