Glosse Feuilleton

Museumsfreuden

29. Juni 2006 Die russischen Kommunisten waren, einmal an der Macht, mit dem Kulturgut der alten Zeit nicht gerade schonend umgegangen. Da wurden Kathedralen gleich im Dutzend gesprengt, ihre Priester ermordet. Nun aber beklagen sich die Erben der damaligen Machthaber, weil ihre eigenen heiligen Stätten nach demselben, wenn auch sanfter gehandhabten Gesetz umgewidmet werden: Tritt die Lederdomina an die Stelle des bolschewistischen Kommissars im Ledermantel? Aus Uljanowsk, Lenins Geburtsort, immer noch nach ihm benannt, erreicht uns die Nachricht, daß das dortige Lenin-Museum im wieder aufgebauten Geburtshaus seine Räume an Geschäftsleute für private Striptease-Partys vermietet, bei denen die Museumsangestellten für die Bewirtung zuständig sind. Es sei der einzige Weg, um Geldmittel für die Erhaltung des Gebäudes aufzutreiben, hieß es von seiten des Hauses - die "Iswestija" allerdings, einstmals Staatszeitung, will herausgefunden haben, daß die Gewinne aus dem Geschäft geradewegs in die Tasche des Museumsdirektors Walerij Perfilow wanderten. Nun hatte man im Büro des Provinzgouverneurs Morozow für die Region schon so schöne Pläne geschmiedet: Ein "Leninland" sollte entstehen und die Touristen anziehen, gar den balsamierten Körper des Staatsmannes wollte man aus dem Moskauer Mausoleum nach Uljanowsk schaffen, um ihn dort auszustellen. Man dachte an eine nachgebaute Kolchose, interaktiv selbstredend, in der die Besucher mitfronen könnten, an eine sprechende Lenin-Statue, die das Sowjetsystem erklärt, an eine Parade zum 1.Mai, an Themenpark-Personal im Kostüm von KGB-Agenten, die die Besucher in Deportationszüge nach Sibirien verfrachten sollten - vor allem aber dachte man ans Geld. Ob daraus noch was wird? Der Gouverneur jedenfalls sieht seine Pläne durch die Museumspraxis sabotiert, die ihm jetzt nur schlechte Presse einträgt. Der Museumsdirektor wiederum erinnert an Lenins "Neue Ökonomische Politik", mit der, nach den Verheerungen des Bürgerkriegs, der Wirtschaft mit ein wenig erlaubtem Kapitalismus aufgeholfen werden sollte. Sei das Partygeschäft denn wirklich etwas anderes? "Lenin war sehr pragmatisch und flexibel", erklärte Perfilow: "Er war bekannt für die vielen Kompromisse, die er einging." Die örtlichen Kommunisten wiederum sind gegen beides, den Themenpark und das Freudenhaus. Es scheint im heutigen Rußland nicht mehr viele Alternativen zu geben. L.J.

Text: F.A.Z., 30.06.2006, Nr. 149 / Seite 49

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche