Wer soll die Nachfolge von Wolfgang Wagner antreten? In der von den Staatsministern in München und Berlin als Chefsache behandelten Angelegenheit ist eine spektakuläre Wende möglich. Gérard Mortier, einer der angesehensten Opernmanager der Welt, hat am gestrigen Sonntag seine Bewerbung eingereicht. Der Direktor der Pariser Oper und frühere Salzburger Intendant will die Bayreuther Festspiele gemeinsam mit Nike Wagner, der Tochter Wieland Wagners, leiten.
Seit Monaten wird der Eindruck geschürt, es stehe schon fest, dass der Stiftungsrat am 1. September Wolfgang Wagners Tochter Katharina inthronisieren werde, die sich auf ministerielle Einladung gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier beworben hat. Am 29. August endet die Viermonatsfrist, die gemäß der Stiftungssatzung mit dem Rücktritt des bisherigen Festspielleiters zu laufen begonnen hatte. Ungenau heißt es bisweilen, bis zu diesem Stichtag hätten Bewerbungen einzugehen.
In Wahrheit gilt die Frist ausschließlich für die Wahrnehmung des der Familie Wagner zukommenden Rechts, mit der Mehrheit ihrer Stimmen im Stiftungsrat einen Familienkandidaten zu nominieren. Es war und ist unwahrscheinlich, dass die Töchter Wolfgang Wagners die nötigen drei von vier Stimmen gewinnen werden. Wie die Stämme der beiden Schwestern von Wieland und Wolfgang Wagner sich zur Kandidatur Mortiers stellen, müssen die nächsten Tage zeigen.
Wenn die Frist verstreicht, ohne dass die Familie von ihrem Vorschlagsrecht Gebrauch gemacht hat, ist das von der Satzung zur Sicherung der dynastischen Kontinuität vorgesehene Verfahren gescheitert. Der Stiftungsrat muss dann allein nach Sachgesichtspunkten entscheiden, wer für die Leitung eines Festivals am besten geeignet ist, das den denkbar anspruchsvollen Auftrag hat, den Maßstab für Wagner-Aufführungen zu setzen.
Mediale Jubelarien lenken davon ab, dass Katharina Wagner keineswegs der Liebling der Liebhaber der Werke Richard Wagners ist. Ihre Meistersinger haben das Festspielpublikum in plattester Weise provoziert. Wenn es nicht wahr ist, dass die Politiker dem greisen Prinzipal die Nachfolgeregelung seiner Wahl als Preis für den Rückzug zugesagt haben, dann können sie Mortiers Bewerbung nicht ohne gründliche Prüfung zu den Akten legen. Die Planung der nächsten Spielzeiten steht schon fest. So kann der Stiftungsrat ohne Zeitdruck beraten.
Text: F.A.Z.
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