Literatur

Littell unter Wohlgesinnten

Von Andreas Kilb

14. Mai 2008 Die Maske des Dandy-Poeten mit Zigarillo und Cognacglas, unter der er vor acht Wochen im Berliner Ensemble zusammen mit Daniel Cohn-Bendit aufgetreten ist, hat Jonathan Littell abgelegt. Im rauchfreien Innenhof des Deutschen Historischen Museums, umrahmt von Schlüters Barockskulpturen sterbender Krieger, präsentiert sich der Autor der „Wohlgesinnten“ als ehrlicher Makler seines Erfolgs.

Manchmal hat seine Bescheidenheit einen aggressiven Unterton, so wenn er die Kritik des Historikers Jörg Baberowski an den langatmigen Masturbationsorgien am Schluss des Romans mit dem Geständnis abfängt, vielleicht schreibe er, Littell, ja „nicht gut“. Und mehr als einmal wirft er sich, kaum dass ein Hauch von Gegenwind ihn streift, in die abwehrende Pose des Belehrers. Die deutschen Kritiker, so Littell, würfen ihm „fehlendes Germanentum“ vor, dabei interessierten ihn Heine und Goethe viel weniger als Genet, de Sade, Baudelaire und das von Foucault gepriesene Gemälde „Las Meninas“ von Velázquez; und jene Wissenschaftler, die sein Buch als Kolportage verdammten, sollten sich mehr mit Psychoanalyse beschäftigen, um das „Spiel der Triebe“ im Totalitarismus besser zu verstehen.

Obszönität und Banalität, Massaker und Pornographie

Dabei könnte Littell an diesem Abend auf rhetorisches Sperrfeuer verzichten. Die auf dem Podium versammelte Runde, der deutsch-französische Historiker Etienne François, seine Pariser Kollegin Annette Wieviorka, der Humboldt-Professor Baberowski und der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts Raphael Gross, ist dem Autor durchweg freundlich gesinnt; nur Gross riskiert, als Bewunderer verkleidet, einige kritische Anmerkungen. Sein Hinweis auf Saul Friedländers klassische Studie über „Kitsch und Tod“ in der Kunst nach Auschwitz trifft den weichen Unterleib der „Wohlgesinnten“: Obszönität und Banalität, Massaker und Pornographie bilden darin ein unauflösliches Amalgam.

Doch Littell, statt sich zu dieser Mixtur zu bekennen, weicht in Belesenheit aus, zitiert Flaubert, Visconti und Francis Bacon, doziert über den Unterschied zwischen historischer Illustration und „wahrer Malerei“, verweist auf die Gefangenenfotos aus Abu Ghraib mit ihren aufgetürmten Leibern und die Veteranen des Vietnamkriegs mit ihren seelischen Wunden. Für die Historiker spielt er den Literaten, für die Literaten den Historiker und für das Publikum den Propheten seines Romans. So bekommt ihn niemand zu fassen. Nach gut zwei Stunden beendet Etienne François, der Moderator, die Diskussion, doch in den engen Sitzreihen des Museums fühlt es sich an, als hätte der Abend viel länger gedauert. Freilich nicht halb so lang wie das Buch.



Text: F.A.Z.

 
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