Kindstötungen

Achtsamkeit und Mitgefühl

Von Regina Mönch

Schwerin: Gedenken an Lea-Sophie, die den Hungertod starb

Schwerin: Gedenken an Lea-Sophie, die den Hungertod starb

07. Dezember 2007 Vor wenigen Tagen erst gab das Land Brandenburg bekannt, die Zahl der Fälle von Kindesmisshandlungen sei zurückgegangen. In Berlin wiederum sind es mehr geworden, wie seit einigen Jahren schon, und die damit befassten Behörden halten gerade das für einen Erfolg.

Es gehört einiger Mut dazu, das so zu sehen, und es hat lange gedauert, bis sich diese Sicht durchsetzte, zumal sie von der Berliner Kriminalpolizei ausging und nicht von der Jugendhilfe: Die immer wieder öffentlich gemachten Fälle haben bewirkt, dass es heute mehr Menschen wagen, einen Verdacht, eine Befürchtung rechtzeitig zu äußern und damit die Nothilfe auszulösen, die früher oftmals zu spät einsetzte.

Neue Anteilnahme

Der Eindruck, immer mehr Familien würden in vermüllten Wohnungen angetroffen, ist zwar richtig, aber es hat sie auch früher schon gegeben, nur blieben sie unbekannt. Neu ist daran nur die Anteilnahme der Öffentlichkeit, die auch bewirkt hat, dass sich Politiker dafür zu interessieren beginnen und die zuständigen Behörden unter Druck geraten sind. In vielen Städten, längst nicht allen, sind die Kontrollen in Problemfamilien härter und häufiger geworden; sich vor der Wohnungstür abwimmeln zu lassen, wie jüngst wieder in Schwerin - mit Todesfolge für ein kleines Mädchen - geschehen, kann künftig kein Fürsorger mehr rechtfertigen. Er kann nicht, er muss die Gesetze anwenden, die ihm erlauben, den Zutritt zu erzwingen.

In Berlin haben sich die Behörden endlich so organisiert, dass Warnungen nicht mehr im internen Geschäftsverkehr von Schreibtisch zu Schreibtisch weitergereicht werden, bis es wieder mal zu spät ist. Das klingt unspektakulär, ist aber fast eine Revolution. Denn dieser Kinderschutz geht vom Ernstfall aus und nicht mehr nur von der Hoffnung, dass jene, die Hilfe brauchen, sich diese freiwillig holen. Familien, die in verkommenen Wohnungen hausen, greifen nur selten zum Telefonhörer und rufen das Jugendamt an.

Vor den reflexartig postulierten Behauptungen, die Kindesmisshandlungen nähmen überhand, weil wachsende Armut eben dazu führe, sei jedoch gewarnt. Wenig Geld zum Leben haben viele, aber darum misshandeln sie noch lange nicht ihre Kinder, verweigern ihnen Frühstück und Nahrung überhaupt. Im Gegenteil, gerade in den Vierteln der Hauptstadt, wo sich so ziemlich alle Lebensprobleme ballen, greifen Nachbarn, denen es keineswegs besonders gut geht, zum Telefon und informieren den Kindernotdienst oder die Polizei, wenn sie überzeugt sind, einem Kind werde Gewalt angetan. Achtsamkeit und Mitgefühl sind noch nie eine Frage des Kontostandes gewesen.

Text: F.A.Z., 08.12.2007, Nr. 286 / Seite 37
Bildmaterial: AP

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