Von Jürgen Kaube
28. April 2008 Die stellvertretende Vorsitzende der SPD, Andrea Nahles, hat in einem Gespräch mit dem Berliner Tagesspiegel mitgeteilt, ihre Partei wolle einen Rechtsanspruch auf den Hauptschulabschluss durchsetzen. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Absurdität. Denn kann es einen Anspruch auf das Bestehen einer Prüfung geben, der die Prüfung selber damit nicht wertlos und zum bloßen Ritual machen würde? In diesem Sinne scheint die deutsche Bildungsdebatte seit längerem schon auf einen Rechtsanspruch aufs Abitur und also aufs Studium zuzulaufen.
Immer höhere Zugangs- und Absolventenraten wünscht sich die Politik, koste es auch den Informationsgehalt, also die Qualität der Abschlüsse. Die Universitäten bemisst man nach der Zahl ihrer Absolventen, nicht nach den Standards ihrer Lehre. Und wenn dann trotzdem noch jemand durch eine Prüfung fällt, gilt das so gestimmten Reformern als sicheres Zeichen für schlechten Unterricht. Doch der Vorschlag von Andrea Nahles bezieht sich eben nicht auf die höhere, ihrer Funktion nach selektivere Bildung. Recht besehen handelt es sich um die sozialdemokratische Variante von George W. Bushs Parole no child left behind.
Zur Restschule heruntergeredet
Rund zwanzig Prozent aller Schüler der Klassenstufen fünf bis zehn befinden sich in Deutschland an einer Hauptschule und damit in einem Schultyp, der von der Lehrergewerkschaft wie von zahllosen Publizisten seit Jahren zur Restschule heruntergeredet wird, um seine Auflösung ebenso wie die des Gymnasiums vorzubereiten. Dass damit das Problem, wie Mindeststandards von Bildung gesichert werden, um keinen Deut vorangebracht würde, sondern sich nur in die nächsthöhere Schulform verlagert, kümmert die Rhetoriker dabei wenig. Dem durch die Pisa-Studie erhobenen Problem des kognitiven Analphabetismus zahlloser Absolventen und Nichtabsolventen des Schulsystems bei uns kann man nur lokal begegnen - durch stärkere Verpflichtung der Hauptschulen auf solche Standards, durch die Analyse dessen, was schiefgeht, das Lernen an Erfolgsfällen und durch eine entsprechende Unterstützung solcher Schulen.
Genau das meint die Forderung von Frau Nahles. Eine stärkere Unterstützung der Hauptschulen in ihrer Pflicht, Mindeststandards zu garantieren, die dem von ihr geforderten Rechtsanspruch der Schüler entspräche, unterstellt die Existenz der Hauptschule als sinnvoll. Das ist, bei Lage der gegenwärtigen Schuldebatten und manchem sich als links missverstehenden Beitrag dazu, ein echtes Wort.
Text: F.A.Z.
