Verlage

Exotenchance

Von Frank Pergande

09. Mai 2008 Der Name Hinstorff hat immer noch einen guten Klang. 1992 erwarb die Heise Medien Gruppe aus Hannover den Verlag. 2002 entschloss sich Hinstorff, Kinderbücher ins Programm aufzunehmen. „Anna, genannt Humpelhexe“ von Franz Fühmann bekam noch im selben Jahr den Jugendliteraturpreis „Luchs“. In diesem Jahr ist das Märchen „Hänsel und Gretel“, illustriert von Susanne Janssen, für den im Oktober zu vergebenden Deutschen Jugendbuchpreis in der Kategorie Bilderbuch nominiert.

Davon ermutigt, geht Hinstorff den nächsten Schritt und will auch wieder als Belletristik-Verlag Fuß fassen. Hinstorff war Hausverlag von Franz Fühmann; Bücher von Jurek Becker, Fritz Rudolf Fries und Ulrich Plenzdorf erschienen hier. Vor zwei Jahren übernahm Hinstorff den Konrad-Reich-Verlag. Reich war in den siebziger Jahren Verlagsleiter bei Hinstorff und bringt nun seine vielen Kontakte und Ideen mit in die alte, wenngleich stark veränderte Heimat mit. So entstand die Konrad-Reich-Edition.

Auch wenn’s nur eine Auferstehung ist!

Zwei Titel sind in der Reihe in diesem Frühjahr erschienen: Uwe Saegers „Die gehäutete Zeit. Ein Judasbericht“ und der Fantasy-Roman „Das Lächeln der Kriegerin“ des jungen Rostocker Autors Philipp Bobrowski. Im Herbst soll eine Neuauflage von Hans Werner Richters „Deutschland, deine Pommern“ folgen. Dass es weitergehen soll, steht wohl fest. Aber die Kriterien sind unklar, sieht man einmal davon ab, dass die bisherigen Autoren aus Mecklenburg-Vorpommern kommen. „Es ist ein Versuch“, heißt es beim Verlag vorsichtig. Saegers Auftritt in der Konrad-Reich-Edition ist zweifellos ein großer Auftakt.

Der im vorpommerschen Ueckermünde lebende Autor, Jahrgang 1948, bekam 1987 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 1993 den Adolf-Grimme-Preis. Seine ersten Bücher in der DDR-Zeit sind bei Hinstorff erschienen. Nach 1990 suchte er vergeblich eine neue Verlagsheimat. „Die gehäutete Zeit“ erzählt Jesu letzte Tage aus Sicht von Judas, dem Lieblingsjünger und Verräter. Es ist ein philosophisches Buch, wie immer bei Saeger, aber auch spannend. Das Ende kennt jeder, aber wie konnte es dazu kommen? War es eine Verschwörung, in der Judas nur ein Teil war, nach dessen Willen nicht gefragt wurde? War gar Jesus nur ein Ausführer, rechenschaftspflichtig einer höheren Macht gegenüber, die in Gestalt zweier Männer auftaucht und wohl nicht mit Gott verwechselt werden soll? Die Dinge entfalten sich folgerichtig und dennoch atemberaubend. Ob es auch ein Augenzwinkern bei dem sonst so ernsten Saeger gibt, wenn es heißt: „Denn jeder Exot hat einmal seine Chance, auch wenn’s nur eine Auferstehung ist!“? Vielleicht meint er damit sich und die Verlagspolitik bei Hinstorff.



Text: F.A.Z.

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