Glosse Feuilleton

Apocalypto

10. Dezember 2006 Einen Augenblick lang hielt Hollywood den Atem an. Was, wenn Mel Gibson einen derart überwältigenden Film gedreht hätte, daß ihm der Oscar einfach nicht zu versagen wäre? Was, wenn "Apocalypto" nichts Orgienhaftes erkennen und auch die rassistischen Untertöne vermissen ließe, die eine empörte Mehrzahl von Gibsons Fachkollegen in "Die Passion Christi" zu hören glaubte? Wenn da einer, den seitdem die Mächtigen der Stadt und der Branche lieber meiden, Filmkunst produziert hätte? Wenn sie ihn, der zudem erst im Sommer seine vom Alkohol gelöste Zunge für deftige antisemitische Flüche einsetzte, vor den Augen der Welt ob seiner künstlerischen Qualitäten feiern müßten? Hollywood kann zunächst wieder durchatmen. Die Kritiken des neuen Films, der am vergangenen Wochenende in Amerika anlief, waren durchwachsen und blieben weit hinter den Gerüchten zurück, die seit Tagen brodelten: von "großem epischen Kino" hatte man gemunkelt. Nun aber wurde "Apocalypto" zurückgestuft zu einem typischen Hollywood-Produkt, das sich "komfortabel in die Konventionen des Mainstreams" füge. Allerdings mit viel mehr Blut und Gewalt, als es dem Popcornverzehr guttut. Herzen, die aus der offenen Brust gerissen werden, Leichenberge, Blutopfer und abgehackte Köpfe, die Pyramidenstufen hinabkullern, sind die Ingredienzien für eine simpel gestrickte Geschichte, die sich in Gibsons gewaltgetränkter Phantasie vor fünfhundert Jahren zwischen einem friedliebenden Naturvolk und den blutrünstigen Maya zutrug. Gibson sei zwar ein echter Autorenfilmer, heißt es in "Newsweek", aber auch seine Pathologie sei echt: "Warum fährt er nur auf solches Zeug ab?" Kein Kritiker will ihm so recht abnehmen, daß er mit "Apocalypto" eine Parabel auf die Gegenwart geliefert habe, auch wenn er dem Film ein Zitat des Historikers Will Durant voranschickt: Eine große Zivilisation werde erst dann von außen erobert, nachdem sie sich im Innern selbst zerstört habe. Gibson, folgern wir nicht nur daraus, ist wütend auf George Bush, und das könnte doch wunderbar zur Versöhnung mit Hollywood führen. Vielleicht ist ja wenigstens eine Oscar-Nominierung drin für den "Kinosadisten", als den ihn "The Hollywood Reporter" beschreibt, der aber trotzdem als "seriöser Filmemacher" ("The New York Times") anerkannt wird. Proteste kommen diesmal von Anthropologen, die Gibson Geschichtsfälschung vorwerfen, und aus Mittelamerika, wo guatemaltekische Kritiker sich über die rassistischen Klischees beklagen, mit der er ihre Kultur überziehe. Alles nicht schlecht fürs Geschäft. Auf die frommen Christen, die in die "Passion Christi" strömten, wird "Apocalypto" allerdings nicht hoffen dürfen. Hollywood hat in Gibsons Nachfolge begonnen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. In "Apocalypto" konnte sogar die zuverlässig linke "Village Voice" anstelle von nationalistischem und religiösem Glaubenseifer nur amoralischen Sensationalismus gewahren. Auch damit müßten ein paar Karten zu verkaufen sein. J.M.



Text: F.A.Z., 11.12.2006, Nr. 288 / Seite 33

 
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