10. Februar 2004 Realität ist, wenn man trotzdem lacht. Allen Unkenrufen auf das Genre zum Trotz wird 2004 wohl doch nicht das Jahr sein, in dem wir das Reality-Fernsehen zu Grabe tragen, allen moralischen Bedenken zum Trotz.
Während die Firma Endemol eine Ausgabe von "Big Brother" vorbereitet, deren Kandidaten ein ganzes Jahr im Container zubringen sollen, stellt ausgerechnet das ZDF, das manche für eine einzige Containershow halten, die Verhältnisse von den Füßen auf den Kopf, will heißen, produziert eine Prominentenshow nach dem umgekehrten Ozzy-Osbourne-Prinzip. Während zu diesem der Musiksender MTV nach Hause kam, um bei der Familie des Rockers nach dem Rechten zu sehen, quartiert sich für das Zweite Deutsche Fernsehen nun Thomas Gottschalk bei einer - wie der Sender annonciert - "deutschen" Familie als Hausmann ein. An seiner Stelle darf sich der nominelle Sippenvorstand ein paar Tage frei nehmen.
Das ZDF jubelt
"Machen Sie auf unsere Kosten eine Verjüngungskur, gehen Sie zum Golfen oder zum Segeln, während sich bei Ihnen zu Hause Thomas Gottschalk als Ersatzmann Ihren Kopf zerbrechen muß", jubelt das ZDF. Und weiter: "Ärger mit den Handwerkern, Schulstreß bei den Kindern, Modeberatung bei der Ehefrau oder einfach nur Gassi gehen mit dem Hund! Thomas Gottschalk nimmt jede Herausforderung an. Man wird ihn in Alltagssituationen erleben, ohne Showtreppe und Hollywoodstars. Thomas Gottschalk ungeschminkt, konfrontiert mit den Problemen einer normalen deutschen Familie - Reality pur!" Soweit der Sender im Originalton.
"Hilfe, Gottschalk zieht ein!" heißt das Format, das in diesem Herbst jeweils Donnerstag abends zu sehen sein und uns am Ende vielleicht glatt soweit bringen wird, daß wir uns den Dschungel von RTL zurückwünschen, in dem zur Zeit, wie die "Bild"-Zeitung dankenswerterweise jeden Tag dokumentiert, ein paar Engländerinnen sich die Zeit vertreiben. Den Punksänger Jonny Rotten haben sie leider schon des Urwalds verwiesen, angeblich war sein sprachlicher Ausdruck zu unzivilisiert.
Soll er nur kommen
Thomas Gottschalk ist übrigens demnächst nicht allein bei den Zuschauern zu Haus. Barbara Becker, die geschiedene Frau des ehemaligen Tennisprofis, der demnächst als Sportmoderator debütiert, bricht ebenfalls in die privaten Gemächer des Publikums auf und zwar, um "das Leben von vier Single-Frauen völlig" umzukrempeln. Dabei soll es schon vom 2. März an nicht nur um Äußerlichkeiten (Make up, Maniküre, Schmuck, Mode), sondern auch um innere Werte - also um Lebensberatung im ganzheitlichen Sinn gehen. Das Genre, um das es hier geht, heißt übrigens "Reality-Sitcom" und stammt, wie nicht anders zu erwarten, aus den Vereinigten Staaten. Dort wurde es von Ozzy Osbournes Epigonen wie dem ehemaligen Modell Anna Nicole Smith sehr schnell (und im wahrsten Sinn des Wortes) auf den Hund gebracht.
Manche Kritiker erkannten darin die Vermählung der Popkultur mit den spätrömischen Unterhaltungsriten zu Zeiten Caligulas. Im Falle Thomas Gottschalks freilich fänden wir es noch viel witziger, wenn er nicht zu uns nach Hause käme, sondern mal für eine Woche im Schreibbüro vorbeischaute. Wo doch schon Chefredakteure für einen Tag ihre Jobs mit Prominenten tauschen, wie zuletzt bei der "Financial Times Deutschland", bei welcher der Verdi-Chef Frank Bsirske Blatt machte. Wobei Zeitungmachen natürlich viel weniger unterhaltsam ist als Fernsehen, vor allem beim ZDF.
Text: miha., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2004, Nr. 34 / Seite 38
Bildmaterial: FAZ.NET
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