Schule in Sachsen

Lehrkörperkultur

Von Marcus Jauer

18. November 2008 Vor einiger Zeit gingen wir auf eine sächsische Schule, das ist noch gar nicht so lange her. Wir saßen mit sächsischen Schülern in einer Klasse und wurden von sächsischen Lehrern unterrichtet. Einer von ihnen hieß Herr Rübner; er gab ein Fach, das sich Staatsbürgerkunde nannte, aber sonst war er ein harmloser Mann. Er sagte, es gebe keinen Grund für uns, sich vor dem amerikanischen Sternenkriegsprogramm zu fürchten, die Sowjetunion habe längst eine Rakete im All. Sie sei mit Sand gefüllt und werde diesen bei Bedarf den imperialistischen Satelliten in die Mikroelektronik streuen, das werde uns alle retten.

Herr Rübner wurde später Direktor, bis er eine Affäre mit Frau Sperling anfing, darüber hat sich seine Frau bei der Partei beschwert, danach war er dann wieder häufiger Zuhause. Dann gab es Frau Sandkorn, die unterrichtete Russisch, zumindest hatten wir das angenommen, bis wir feststellten, dass die zwei Soldaten der Roten Armee, die sie zur Konversation in die Schule geladen hatte, eine vollkommen andere Sprache sprachen, sie waren aber auch nie wieder da.

Man vergisst so einiges

Deutsch hatten wir bei Frau Lutherberg. Sie las uns jeden Tag aus einem Buch vor, das davon erzählte, wie der Stahl gehärtet wurde. Aber die Szene, wie der junge Rotgardist in dem Gefängnis, in das ihn die Feinde der Revolution geworfen hatten, eine junge Rotgardistin entdeckt und die Nacht mit ihr verbringt, die las sie nicht, die mussten wir selbst finden. Frau Lutherberg bekam dann später durch den Mauerfall – sie war darüber genauso überrascht wie wir alle – die Gelegenheit, uns andere Stellen in anderen Büchern zu zeigen, die wir auch nicht kannten und in denen keine Rotgardisten vorkamen; aber da fiel ihr nicht mehr ein, welche Bücher das sein könnten.

Da brachten wir eben Filme mit aus den Videotheken, die plötzlich überall öffneten, und sahen uns Rambo an im Deutschunterricht. So war das. Es ist doch noch gar nicht lange her. Und jetzt hat Sachsen beim aktuellen Pisa-Test besser abgeschnitten als der Rest des Landes, besser sogar noch als Bayern. Es müssen da jetzt andere Lehrer unterrichten. Vielleicht haben sie aber auch andere Schüler, als wir es damals waren.

Text: F.A.Z.

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