Apostelgrab

Der wahre Paulus

Von Dieter Bartetzko

Ruht der Apostel Paulus unter der römischen Basilika San Paolo?

Ruht der Apostel Paulus unter der römischen Basilika San Paolo?

29. Juni 2009 Wie viele Gebeine von Menschen des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt mögen noch unentdeckt in Roms Katakomben ruhen? Tausende? Zehntausende? Doch die, von denen Papst Benedikt XVI. am vergangenen Sonntag zum Abschluss des Paulus-Gedenkjahres sprach, sind besondere. Sie liegen in einem Marmorsarkophag unter dem Hauptaltar der päpstlichen römischen Basilika San Paolo fuori le mura. Mittels einer C-14-Untersuchung (Radiocarbon-Methode), so der Papst, habe man sie nun auf das erste oder zweite Jahrhundert nach Christus datieren können. Dies untermauere, dass es sich bei dem Grab um das des Apostels handele.

Die Sensation ist sozusagen eine mit Fristenlösung: „Das Grab war immer dort“, sagte nämlich schon 2006 der Hausherr der Kirche, Kardinal Cordero Lanza di Montezemolo, als unter der seit je sichtbaren antiken Marmorplatte mit der Inschrift „Pavlo Apostolo Mart.“ in fünfzig Zentimeter Tiefe der unberührte Sarg entdeckt worden war. Aber mit dem Fund rückte näher, was antike Chroniken und Legenden überliefern, dass nämlich der Apostel Paulus 64 nach Christus an der „Via Osteniensis“ vor den Mauern Roms enthauptet und begraben worden sei. Etwa hundert Jahre später habe der Presbyter Gaius das zuvor vergessene Apostelgrab entdeckt und einen Memorialbau über ihm errichten lassen, der seinerseits in jener Basilika aufging, die Kaiser Konstantin 324 nach Christus erbauen ließ und die, 390 nach Christus prachtvoll erweitert, bis zu ihrem Brand im Jahr 1823 als größte und schönste spätantike Kirche Roms der Stolz der Stadt war.

Wahre Bedeutung des Grabs

Der damalige sofortige Wiederaufbau ließ das Grab unangetastet. Erst eine 2002 begonnene Restaurierung der Basilika führte zu seiner Untersuchung, deren vorläufige Ergebnisse 2006 bekanntgegeben und nun durch die Datierung gekrönt wurden. Bewunderer dürften diese Abfolge christlich-wissenschaftlichem Verantwortungsgefühl zuschreiben, Verächter des Vatikans werden von „Salami-Taktik“ und einem propagandistischen Schachzug sprechen. Und die allgegenwärtigen notorischen Zweifler werden anführen, dass mit der C-14-Untersuchung gar nichts bewiesen sei, weil alle toten Römer der Antike vor den Mauern beerdigt wurden und somit der Presbyter Gaius statt der Gebeine des Paulus ebenso gut die irgendeines anderen Römers des ersten Jahrhunderts hat finden können.

Doch kommt es wirklich darauf an? Ob Paulus in dem Sarkophag ruht oder ein Lucius, Brutus oder Marcellus – die wahre Bedeutung des Grabs liegt doch darin, dass es die Erinnerung an jenen Apostel evoziert, dessen Lehren in der Maxime gipfeln: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

2 Wochen gratis testen!Möchten Sie die F.A.Z. oder die Sonntagszeitung erstmal kennenlernen? Kostenlos und unverbindlich 2 Wochen testen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche