10. Oktober 2003 Anfang nächster Woche finden sich mehr als hundert Leute in Dortmund ein, um über ein seltenes, kamerascheues Wesen zu reden. Der Deutsche Journalisten-Verband hält seinen Kongreß "Bildjournalisten" ab und wird dann vermutlich weitere Schritte gegen Bob Dylan einleiten, nachdem der erste schon unternommen ist gegen diesen Mann, der die selten gewordene Fähigkeit beherrscht, sein Gesicht nicht gleich in jede Kamera zu halten. Statt sich, wie jeder vernünftige Mensch, zu freuen, daß Dylan überhaupt noch kommt und die Zeitungen mal wieder ein schönes Thema haben, über das sie schreiben können, ruft der Deutsche Journalisten-Verband zum Boykott der Deutschland-Tournee auf und schämt sich nicht. Denn Dylan will seinerseits verhindern, was er seit Jahren zu verhindern weiß und worüber sich bisher auch niemand aufgeregt hat: daß man ihn bei der Arbeit fotografiert. Die Arbeitsbedingungen von Konzertfotografen werden immer miserabler, das ist wahr; aber Dylan kratzt das nicht. Er will einfach nicht fotografiert werden. Das ist alles - und das eigentlich Erstaunliche, Grundsouverän-Geheimnislose an diesem Mann, der weiß Gott nicht der einzige ist, der ein Bilderverbot verhängt. Die Leute kommen trotzdem zu seinen Konzerten und die Journalisten natürlich auch. Doch der Verband bleibt dabei: "Die freie Berufsausübung der Bildjournalisten ist wichtiger als die persönliche Befindlichkeit von Bob Dylan." Wie man sich irren kann! Aber wer weiß, vielleicht hilft es ja was, und Dylan läßt sich einschüchtern, verzichtet am Ende gar von sich aus? Dann müßte Wolf Biermann einspringen, der neuerdings als Bob-Dylan-Experte von sich reden macht. In dieser Funktion hat er auf der Buchmesse bei der Vorstellung der von ihm übersetzten fiktionalen Grabreden, die Dylan 1963 auf sich selbst schrieb, einen Auftritt hingelegt, der es in sich hatte. Das viel zu nachsichtige Publikum andauernd duzend, ließ er sich hinreißen zu einem Bob-Dylan-Ähnlichkeitswettbewerb, der auf die These hinauslief: Während Dylan in einer armen, aber freien Gegend aufwachsen durfte, mußte ich, Wolf Biermann, in einem Land leben, das nur darauf aus war, einen wie mich meiner reichen, originellen Persönlichkeit zu berauben. Daß ihn 1953 niemand gezwungen hat, in die DDR zu gehen, sagte er nicht. Statt dessen fing er ohne ersichtlichen Grund, vielleicht, weil es ihm Vergnügen bereitete, die Leute damit zu beeindrucken, von seinem Vater an, der symbolhaft immer noch aus allen deutschen Schornsteinen herauskomme. Bob Dylan hat seinen Vater nicht in Auschwitz verloren, das ist in der Tat ein Unterschied zwischen den beiden. Das Buch mit Dylans Poemen und seinen Übersetzungen hielt er ins Publikum, und sagte, das sei wie ein "Sandwich", das man bei McDonald's essen könne: innen drin Dylans Text, das sei die Frikadelle. Was drumherum war, ließ er offen. Es war, um das Niveau anzuschlagen, das er an diesem Abend unverdrossen durchhielt, Quatsch mit Soße. Vielleicht können die Herren am Freitag, wenn Dylans Tournee in Biermanns Vaterstadt Hamburg beginnt, ein wenig Klönschnack halten, von Dichter zu Dichter, so ganz ohne Blitzlichtgewitter.
Text: edo. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2003, Nr. 236 / Seite 35
