18. Januar 2009 Es ist schon bitter, wenn an allen Ecken und Enden die Milliarden fehlen, aber manchmal braucht man auch Kleingeld. Für die Parkuhr, zum Beispiel. Dunkelblau droht schon der Umriss der Politesse am Ende der Straße, aber noch ist Zeit genug, rasch ein paar Münzlein einzutauschen. Zum Glück ist die nächste Sparkassenfiliale nur ein paar Schritte weiter. Dort versteht man sich trefflich auf Geldgeschäfte geringeren Umfangs.
Es ist früh am Morgen, von drei Kassenschaltern ist nur einer besetzt. Macht nichts, es ist nur ein Kunde da, eine Dame, die auch Geld wechseln will. Sie möchte einige Münzen in einen 10-Euro-Schein umtauschen. Die Münzen hat sie in einem alten Marmeladenglas. Es ist ein sehr großes Marmeladenglas, gefüllt mit sehr kleinen Münzen. Die wollen gezählt werden. Das geht nicht schnell. Ei was, da sind ja noch mehr Marmeladengläser in der Handtasche! Und ein kleines pralles Ledertäschelchen findet sich auch noch, darinnen die leuchtendroten Sparbüchelchen verwahrt sind, acht an der Zahl.
Jetzt wird eingezahlt und abgehoben und umgeschichtet und wieder storniert, wir machen ja alle mal Fehler, und wieder eingezahlt, und Zinsen wären auch noch einzutragen, ja, bei allen acht Sparbüchelchen bitte, und jetzt hätt’ ich’s doch fast vergessen, sagt die Dame, und holt noch ein dickes, dickes Bündel Geldscheine heraus.
Wie das rattert, wie das funkelt
Mittlerweile ist das Auto vermutlich längst abgeschleppt, gut so, wird ein neues gekauft, der Rubel muss rollen. Große Rubel rollen schnell, kleine Rubel rollen langsam. Sind sehr kleine Rubelchen, die jetzt gezählt werden, und auch die Dame ist ungewöhnlich klein, winzig geradezu, mit seltsam verschrumpeltem Gesicht und störrischem, borstigem Haupthaar. Etwas Geheimnisvolles geht von ihr aus. Eine Zwergenfürstin vermutlich, deren unermessliches Vermögen ihre kleinen Untertanen in tiefen Gängen dunkler Minen dem Felsgestein abgerungen haben. Ja, die wissen noch, was Arbeit ist! Aber die Kassiererin weiß es jetzt auch. Sie hat sich schon wieder verzählt. Sie schnaubt, sie schwitzt, sie flucht. Das darf sie nicht. Jetzt kommt eine kleine Geldzählmaschine zum Einsatz. Hei, wie die funkelt im milden Licht der Abendsonne, und wie es rattert!
Aber es stottert auch. Das Maschinchen hat sich verschluckt. Die Zwergenfürstin runzelt die Stirn, die Kassiererin rollt die Augen wie eine russische Bärin. Ihre Flüche werden derber. Schon hat sie ein Sprühfläschchen zur Hand, um das Maschinchen zu schmieren. Verkleben da nicht die schönen Rubelchen? Nein, munter geht es weiter, und bald schon ist alles gezählt. Jetzt geht das Sparbüchelchentäschelchen auf, und hurtig springen die kleinen roten Teufel hinein, acht an der Zahl. Endlich dreht die Zwergenfürstin sich um. Geringschätzig gleitet ihr Blick über die vielköpfige Schar der Wartenden. Stumm folgen wir ihr durch die Nacht, hinab in die Mine.
Text: F.A.Z.