16. Februar 2008 Klaus Zumwinkel kommt in Liechtenstein an den Bankschalter und sagt, er möchte ein Konto eröffnen. Wie viel er denn einzahlen möchte, fragt der Beamte, und Zumwinkel murmelt etwas von einer Million. Sie können ruhig lauter reden, sagt da der Beamte, Armut schändet nicht.
So könnte es gewesen sein. Ein Witz ist es auch, dass nun so getan wird, als wäre schon wieder ein Vorbild demontiert worden. Niemand, der halbwegs bei Sinnen ist, sucht sich seine Vorbilder in den beiden Bereichen, die sowieso als schmutziges Geschäft gelten: Politik und Wirtschaft. Wozu braucht man als erwachsener Mensch überhaupt welche? Um daran erinnert zu werden, dass man anständig sein und die Gesetze beachten soll? Vorstandsvorsitzende haben uns in dieser Hinsicht nichts zu sagen.
Transparenz kommt mit den Handschellen
Vorbild ist, in diesem Zusammenhang, eine geradezu obrigkeitsstaatliche Kategorie, die in einer Demokratie immer überflüssiger wird, je weiter das mediale Ausspionieren von Menschen fortschreitet - dergleichen kann doch bloß Ernüchterung hervorrufen. Nur Kinder haben Vorbilder: Lokomotivführer, Ärzte, Fußballer, also Berufe, die sich aus der Anschauung heraus beurteilen und dann auch bewundern lassen. Das Wirken eines Wirtschaftskapitäns aber gewinnt auch für die interessierteste Öffentlichkeit kaum einmal Transparenz, bis irgendwann Handschellen ins Bild kommen und Summen genannt werden.
Dieser Mangel an Anschaulichkeit muss natürlich kompensiert werden. Deswegen breitet man die Zumwinkel-Sache auch mit einer gewissen Genüsslichkeit bis ins Detail aus; es wurde kein Haus durchsucht, sondern eine Villa, fast, als wohnte darin ein wunderbarer Märchenprinz fern vom gewöhnlichen Leben. Es ist Sache der Behörden, wie sie solche Fälle angehen; diese Inszenierung kommt jedenfalls nicht nur einem Häme-, sondern auch einem Kitschbedürfnis entgegen. Vermutlich soll damit signalisiert werden, dass die Obrigkeit bei Steuervergehen nun doch durchgreift, und schon fertigt jeder in Gedanken eine Liste mit weiteren Prominenten an, denen es jetzt auch an den Kragen gehen soll.
Die Aufklärung, die man damit schon zu leisten meint, bestätigt fürs Erste nur Vorurteile. Die Frage, ob sich etwas zum Besseren, Gerechteren ändern wird, ist genauso treuherzig wie die, ob denn in den Vorstandsetagen noch die Hauspost ausgetragen wird. Nur Kinder würden so fragen.
Text: F.A.Z., 16.02.2008, Nr. 40 / Seite 33