Riccardo Muti geht nach Chicago

Altersliebe statt visionäre Kraft

Von Jordan Mejias

07. Mai 2008 Nie und nimmer mehr wollte er sich, nach zwölf anstrengenden Jahren als Chef des Philadelphia Orchestra, den außermusikalischen Zumutungen aussetzen, die der Leiter eines amerikanischen Sinfonieorchesters notgedrungen zu meistern hat. Und auch allen Werbern, die ihn bedrängten, als er nach neunzehn arbeits- und intrigenreichen Jahren der Mailänder Scala im helllodernden Zorn den Rücken kehrte, widerstand er mit mannhaftem Edelmut. Aber auf einmal verliebte er sich.

Ein coup de foudre, untermalt mit Ravel, Tschaikowsky, Verdi. Im vergangenen Jahr dirigierte er nach mehr als drei Jahrzehnten wieder einmal das Chicago Symphony Orchestra, ging mit ihm auf Tour, und schon war es um ihn geschehen. Riccardo Muti gab dem Orchester sein Jawort. Im übernächsten Jahr wird der italienische Dirigent die Leitung des legendären Klangkörpers übernehmen. Was sollen jetzt nur die New Yorker von ihm denken? Als Nachfolger von Lorin Maazel wäre er im Lincoln Center mit offenen Armen empfangen worden. Muti aber wollte nur ab und zu einmal vorbeischauen. Bloß keine feste Bindung! Bis er in Chicago das entdeckte, was er nun eine „perfekte Maschine“ nennt.

Muti ein Visionär? Bislang eher nicht

Seit vier Jahren, seit Daniel Barenboims Weggang, suchten sie dort vergeblich nach einem perfekten Maschinisten. An Muti hatte niemand gedacht. Der elegante Maestro wollte doch nur noch exquisite Musik machen, wie er immer wieder erklärte, und nicht seine Zeit bei endlosen Galaveranstaltungen mit Sponsoren, beim Vorspiel neuer Orchestermusiker und bei der so dringend nötigen musikalischen Entwicklungshilfe in den Schulen der Stadt verplempern. All das will er jetzt freudigen Herzens in Angriff nehmen, mindestens zehn Wochen im Jahr, nicht mitgerechnet die Tourneen.

Fünf Jahre verspricht er erst einmal zu bleiben, und wenn er dann im Jahr 2015 seinen vierundsiebzigsten Geburtstag feiert, ist er als Dirigent immer noch ein junger Spund und kann, so die Liebe bis dahin nicht erloschen ist, das Bündnis nach Belieben verlängern. Was dabei für die Musik und fürs musikalische Leben Chicagos herauskommen dürfte, steht auf einem anderen Notenblatt. Denn wenn Muti auch den offenbar heißersehnten Glamour zu garantieren vermag, hat er sich bisher nicht als Visionär hervorgetan oder gar als Revolutionär, der das Sinfonieorchester wieder mitten im kulturellen Leben verankern, neue Publikumsschichten gewinnen und neue Vermittlungsformen entwickeln könnte. Das aber tut not. Und dafür wird die Liebe eines Stars und zum Star, und sei sie noch so groß und gegenseitig, nicht ausreichen. Ja, Chicago hat einen Coup gelandet. Ohne auch nur den geringsten Mut zu beweisen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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